Ein Tabuthema wird angesprochen
Tötungen in Krankenhäusern
Foto: © Verena Schafflick
Der Fall Niels H. erschütterte 2005 Deutschland: Der Krankenpfleger soll von 1999 bis 2005 bis zu 43 Morde in Krankenhäusern in Delmenhorst und Oldenburg begangen haben – die größte Mordserie Deutschlands, doch abgetan als ein Einzelfall. Der Mediziner Prof. Dr. Karl H. Beine und die Journalistin Jeanne Turczynski zweifeln dies an – und veröffentlichen nun das Buch "Tatort Krankenhaus – Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert".
Seit 25 Jahren forscht Beine nun schon in der Thematik, seit ihm selber 1990 ein Fall über einen ihn bekannten Krankenpfleger bekannt wurde, der Patienten tötete. Im Herbst 2015 führte er daher eine Befragung an 5055 Kranken-, AltenpflegerInnen sowie Ärzten und Ärztinnen durch. Die Frage lautete: "Haben Sie selbst schon einmal aktiv das Leiden von Patienten beendet?" 3,4 Prozent der Ärzte, 5 Prozent der Altenpfleger und 1,5 Prozent der Krankenpfleger hätten die laut Beine mit "Ja" beantwortet. Bei der Buchvorstellung warf diese Zahl die Frage der Repräsentation auf. "Unsere Studie kann nicht als repräsentativ angesehen werden", entgegnete Beine direkt. Vielmehr wolle man eine Debatte anstoßen.

Und das schafften die zwei Autoren bei der Diskussion direkt. Vor allem, weil das Buch damit titelt, dass jährlich 21.000 Patienten getötet werden würden. Eine scheinbar mutwillige Zahl angesichts der Tatsache, dass die Studie als nicht repräsentativ angesehen werden kann. Die Zahl setze sich zusammen aus der Gesamtheit der drei Berufsgruppen: Also 14.461 Tötungen in Krankenhäusern. In der Kranken- und Altenpflege in Pflegeheimen sei die Frage mit 1,01 beziehungsweise 1,83 Prozent beantwortet worden. Das wären dann 6.857 Tötung berechnet auf die Gesamtzahl. Doch darunter würden laut Beine auch Tötungen auf Verlangen fallen.
Interessant waren hingegen die Standpunkte von Dr. Karl Lauterbach (SPD) und Beine. Lauterbach ist Vertreter der Gesundheitspolitik im Deutschen Bundestag. Beide waren sich einig darüber, dass nun endlich ein Tabuthema angesprochen wird und dies zwangsläufig zu einer Debatte führt. Uneinig waren sich beide hingegen, wie es zu diesen Tötungen kommt. Lauterbach kritisierte, dass die Zahl nicht belastbar sei, da die Befragung recht offen geführt wurde. Auch die Ursachen sieht er sehr unterschiedlich, gerade weil immer kriminelles Verhalten hier vorliegt. Der ökonomische Druck in deutschen Kliniken hoch, sodass die Zahl der Burnout-Fälle in der Pflege sehr hoch sei.
Diesen ökonomischen Druck sieht auch Dr. Beine, der als Mediziner in Hamm und Witten/Herdecke arbeitet, als Punkt für die Tötungsfälle an Patienten. Ärzte und Pfleger müssten sich um zu viele Patienten kümmern, die Zahl Krankenhausbetten – Personal stehe in keinem Vergleich. Er fordert deswegen die Abschaffung von Krankenhäusern bei gleichbleibender Personalmenge. Pfleger und Ärzte müssten nämlich immer wieder die Entscheidung zwischen Ethos und Wirtschaft treffen und stehen damit im Widerspruch des Hauses. "Die Krankenhäuser konkurrieren um gelöste Fälle", kritisiert Beine. Hinzu komme laut Turczynski, dass Krankenhäuser solche Fälle vertuschen würden, um keinen Imageschaden tragen zu müssen. Stattdessen würde man – wie im Fall Niels H. – den Pfleger "wegloben". Dies sieht auch Lauterbach – und fordert Konsequenzen. "Solches Verhalten muss bestraft werden." Zumal laut Beine viele Kollegen schon Ahnungen hätten.
Mit dem Buch "Tatort Krankenhaus" wollen die Autoren so auch schulen: Zum Beispiel könne man durch die Verrohung der Sprache eines Kollegen oder die Distanzierung klare Warnsignale erkennen. "Beispielsweise wenn jemand nicht von Sterben, sondern von Krepieren spricht", so Beine.
Tatort Krankenhaus: Wie ein kaputtes System Misshandlungen und Morde an Kranken fördert, Karl H. Beine & Jeanne Turczynski, Droemer 2017, ISBN 978-3426276884, 19,99 Euro (eBook 17,99 Euro)
Anmerkung der Redaktion: Das Buch wurde in der vergangenen Woche in Berlin vorgestellt. Die hpd-Autorin war bei der Pressekonferenz anwesend.
Kommentare (2)
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also ich möchte in kein
also ich möchte in kein Krankenhaus, ALtenheim oder sonst so einer Einrichtung, wenn ich auf andere angewiesen bin, oder mich nicht um mich selber kümmern kann würde ich gerne Selbstmord begehen, nur dazu brauche ich dann die richtigen mittel von der krankenkasse. ich lebe selbstbestimmt und das soll auch so bleiben. und wenn da irgendwelche Ethiker kommen, das amg dann deren persönliche Meinung sein, aber das hat mit mir nichts zu tun und das diese gewalt über mich haben wollen ist nicht in ordung
Es sollte klar sein, dass die
Es sollte klar sein, dass die streitsüchtigsten Menschen unter den Rechtsanwälten, die meisten Pädophilen in Berufen beim Umgang mit Kindern zu finden sind (Lehrer, Pädagogen), die meisten unentdeckten Gewalttaten gegen Kinder von Müttern begangen werden und eben die meisten unentdeckten Serienmörder im medizinischen Bereich zu finden sind (=das perfekte Verbrechen). Das sollte nicht allzusehr verwundern. Unabhängig davon könnte die ungefragte "Sterbehilfe" auch eine Reaktion sein, wenn man dass so sehen will, dass aus der Betreuung sehr kranker Menschen ein großes Geschäft gemacht wird durch lebensverlängernde Maßnahmen. Dazumal die Belastung an der Arbeit immens ist und das Personal dramatisch unterbezahlt. Zieht man das in Betracht wird diese Entgleisung plausibler - es macht sie freilich damit nicht akzeptabler. Das ist "Pflegenotstand" in Deutschland.