Putins Wörterbuch

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Symbolbild: Laut den Herausgebern habe man "einige Wörterbuchdefinitionen mit der Rechtsabteilung der Russisch-Orthodoxen Kirche abgestimmt".
Der russische Präsident Wladimir Putin und der Moskauer Patriarch Kyrill I.

Humanismus, Demokratie, Autoritarismus: Was diese Begriffe bedeuten, darüber wird in Russland nicht mehr öffentlich diskutiert. Ein Wörterbuch schreibt die Bedeutungen verbindlich vor.

Wer hätte das gedacht? Humanismus gehört zu den zentralen Werten in Putins Russland. Nachzulesen im kürzlich neu erschienenen "Erklärenden Wörterbuch der Staatssprache der Russischen Föderation". Aber halt! Bei näherem Hinsehen zeigt sich: Gemeint ist dort nichts anderes als die "traditionelle russische geistig-moralische Wertvorstellung". Kein Wort von der historischen Dimension der Denkströmung, die den Menschen und seine Würde in den Mittelpunkt stellt. Und natürlich hat all das herzlich wenig mit dem Evolutionären Humanismus zu tun, der den Menschen eingebettet in evolutionäre Vorgänge und eine naturalistische Welt sieht.

Aber wo bleibt dann die Würde des Menschen – Fundament des humanistischen Denkens? Die Menschenwürde werde "durch den Staat gewährleistet und geschützt", heißt es da. Verschwunden ist der grundlegende Wert, der jedem Einzelnen zukommt und der vor staatlichen Eingriffen zu schützen ist. Stattdessen wird der Staat selbst zum Garanten von Würde – wie der Bock zum Gärtner. Es überrascht kaum, dass das Wörterbuch ausdrücklich auch eine "nationale Würde" kennt.

An alldem gibt es nichts zu rütteln. Das Werk bildet nicht etwa ab, wie Begriffe im Sprachgebrauch verwendet werden. Sondern es schreibt verbindliche Definitionen vor: für Behörden und Gerichte, Schulen und Hochschulen, für Medien, Bühne und Musik. Jeder Verstoß kann geahndet werden. Sprache im Korsett der Ideologie.

"Das Wörterbuch wird ein praktisches Instrument zur Verwirklichung der staatlichen Politik zur Bewahrung und Stärkung der traditionellen russischen geistlich-sittlichen Werte", erklärte der Rektor der Staatlichen Universität Sankt Petersburg, Nikolai Kropatschow (in der FAZ irrtümlich "Michail Kropatschow" genannt).

Die Idee ist nicht neu. Um die "Bewahrung und Stärkung der traditionellen russischen spirituellen und moralischen Werte geistlich-sittlichen Werte" ging es bereits in einem Erlass Putins von November 2022. Demnach würden diese "von Generation zu Generation weitergegebenen" Werte die Grundlage von Russlands Einheit bilden. Doch sie seien vielfältig bedroht: durch Extremisten, Terroristen, die USA und andere feindliche Länder, durch ausländische Organisationen, aber auch durch einige Medien, Organisationen und Personen in Russland.

Laut den Herausgebern habe man zudem "einige Wörterbuchdefinitionen mit der Rechtsabteilung der Russisch-Orthodoxen Kirche abgestimmt", die Ausarbeitung sei unter Kontrolle des Justizministeriums erfolgt. Das Ziel: den "Inhalt der traditionellen russischen spirituellen und moralischen Werte" wiederzugeben. So wird der Begriff "Ehe" ausschließlich für die Verbindung von Mann und Frau zugelassen. Zwar gibt es auch einen Eintrag zur "gleichgeschlechtliche Ehe" –, allerdings mit dem Hinweis, dass solch eine "intime homosexuelle Verbindung", von der russisch-orthodoxen Kirche verurteilt und vom russischen Staat nicht unterstützt werde. Überhaupt wird Homosexualität als "Form sexueller Abweichung" pathologisiert, als Synonyme nennt das Wörterbuch "Sodomie" und "Päderastie".

Es überrascht nicht, dass der Begriff "Demokratie" negativ ausgelegt wird. Das liest sich wie folgt: "In der Praxis des politischen Lebens der Länder des Westens: Eine Regierungsform, bei der die Bürger bestimmte Rechte und Freiheiten haben, die staatlichen Institutionen aber im Interesse einflussreicherer Institutionen handeln."

Überraschend wohlwollend steht das Werk dagegen dem Begriff Autoritarismus gegenüber. Zwar räumt man ein, dass bei dieser Staatsform die Bevölkerung nur eingeschränkt beteiligt werde. Aber vor allem in schweren Zeiten sei dies besonders effektiv.

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