Es bewegt sich manches. Weiß man wohin?

 

Es ist ja manches Mal so, dass ein kritischer Blick von außen – er kommt ja meist von außen, drinnen ist man meist zu nah dran -, den Organisationen, die kritisiert werden, durchaus hilft. So hat der Springer-Konzern durch die scharfe Kritik der „68er“ sehr viel gelernt und sich besser profilieren können als vorher.

Wallraff und alle die anderen ... Ja, das hat denen genützt.

Es ist denen dadurch klar geworden, wo sie Fehler machen und sie haben es genau gelernt, bessere Optimierungsstrategien zu entwickeln.

Ich lese unterwegs oft die BILD-Zeitung. Auch wenn etwas über mich kommt ... Kürzlich war mal wieder etwas. Da war ein Foto, angeblich von mir - aber das war nicht ich, das habe ich anscheinend nur selbst bemerkt -, mit dem Kurt Jürgens, den ich nie kennen gelernt habe. Und darunter stand, ich hätte für ihn ein Lied komponiert, einen sehr bekannten Schlager. Und natürlich habe ich noch nie etwas komponiert. Für den Kurt Jürgens auch noch, nicht etwa für den Udo. Also, das ist BILD-Zeitung. (Lachen) Und ich denke, wenn ich bei denen irgendetwas anderes lese, dann ist das auf ähnliche Weise zustande gekommen. Sie erfanden seinerzeit für ihre Titelseite, dass Totenköpfe durch die Fenster meines Wohnzimmers flogen. Dabei war schon einiges Aufregende passiert, aber eben nicht das. Die Wahrheit wäre sogar aufregender gewesen. Ich versteh’s nicht.

Das finde ich nun aber spannend. Du hast doch eigentlich den Ansatz, Gedanken, Überlegungen von dir den Menschen nahe zu bringen. Die werden es ja prüfen, ist das nun gelogen oder nicht gelogen. Wenn es ein Sachbuch ist, und die BILD wäre als Zeitung ja auch der Sachlichkeit verpflichtet, dürfte es nicht mit der Lüge verknüpft sein. Insofern ist die BILD dann auch keine Zeitung, die sachlich informiert, sondern nur ein billiges Unterhaltungsblättchen und das machen sie prima. Was sie dabei Besonders machen, ist, dass es jeden Tag eine Sensation gibt.

Das machen sie geschickt. Doch man darf nicht vergessen, welch unglaublich wichtige Rolle BILD mit seiner Haltung zu Israel und den Juden gespielt hat und noch immer spielt. Nicht auszudenken, wenn dieses mächtige Blatt auf der Gegenseite wäre.
Doch ansonsten ist da eine enorme Raffinesse. Der Kachelmann hat kürzlich sein erstes Interview der ZEIT gegeben und BILD brachte diese Nachricht als Schlagzeile. Da habe ich mir die ZEIT gekauft und das Interview mit Kachelmann gelesen. Der schimpft dermaßen auf BILD . Doch das stört die nicht, die bringen das als Schlagzeile. Das ist Macht.

Du weißt, wer die Chefkommentatorin im Kachelmann-Prozess für die BILD war?

Ja, die Frau Schwarzer.

Ist das für dich im Rückblick eine Genugtuung – ich denke Frau Schwarzer dürfte eine der Frauen gewesen sein, die dich aus Deutschland vertrieben haben ...

Nicht direkt natürlich ...

... das stimmt, nicht persönlich, aber als Typus der Intoleranz. Jemanden, der eine kritische These vertritt, als Faschistin zu bezeichnen, das ist doch etwas sehr gewagt.

Ja, aber ich muss doch sagen, ich habe diese Leute auch wahnsinnig gereizt. Es war auch eine Art Hilflosigkeit ... Sie konnten sich nicht mehr anders gegen mich wehren.

Du hast dich damals nicht als Opfer gesehen?

Nein. Es hatte schon eine gewisse Konsequenz, obwohl es dann doch sicherlich zu viel war, was sie gemacht haben. Es war wirklich zuviel. Aber ich habe mir auch gesagt: Nun, ich habe das ausgelöst. Ich habe danach Lesungen unter Polizeischutz gehalten, das war nicht so lustig, aber richtig Angst hatte ich nie.

Du hast einmal gesagt, das Buch hätte dir auch geschadet? Es hat dich in Zuordnungen und Zuweisungen gebracht, die andere Themen von dir nicht anerkannten?

Ja, es hat mir geschadet, denn das Thema blieb für immer an mir haften. Denn als ich weiter schrieb, heiß es: Nun schreibt sie über Dummheit. Was kann die denn dazu sagen? Ich war die Spezialistin für Männer und Frauen. Und nun schreibt sie über Gott! Warum sollen wir denn von der darüber lesen? Und das war die eigentlich negative Konsequenz für mich, dass die anderen Sachen von mir nicht wahrgenommen, ja, oft absichtlich ignoriert wurden. Damit habe ich, denke ich, als Schriftstellerin sehr hoch bezahlt. Ich bin stolz, dass ich DER DRESSIERTE MANN geschrieben habe. Es war ein wichtiges Buch. Doch meine weitere Arbeit hat es ziemlich beschwert. Und die ist doch eigentlich auch ganz interessant.

Diese, sagen wir ruhig Berühmtheit, die du im Westen bekommen hattest, ist im Osten so nicht passiert ...

Dort geht es mir mit meinen anderen Arbeiten auch weitaus besser. Für die Theaterstücke ist es in den östlichen Ländern zum Beispiel erheblich leichter.

„Der betörende Glanz der Dummheit“

Die „Dummheit“, von der du gerade gesprochen hast, ist das dein Buch über den „betörenden Glanz der Dummheit“?

Ja, und es wird jetzt auch wieder neu im Alibri Verlag herausgebracht.

Ist es ein neues Interesse?

Es gefällt dem Verleger und er meint, das sollte wieder in den Buchhandel kommen.

Kannst du kurz sagen, worum es darin geht?

In „Der betörende Glanz der Dummheit“ geht es darum, dass ich Dummheit als einen Mangel an Phantasie und einen Mangel an Sensibilität definiere, und es die phantasievollen, sensiblen Leute es sehr viel schwerer haben mit ihrem Leben und ihrer Karriere, als die Dummen. Die Dummen fragen nicht, sie schauen nicht nach links und nach rechts, sie gehen einfach weiter und einem Dummen macht es nichts aus, Direktor von einer Firma zu werden und die Verantwortung für eine Vielzahl von Menschen zu übernehmen oder General zu werden und die Leute in den Krieg zu schicken. Die haben nicht so viele Hemmungen und sie müssen nicht soviel mit sich selbst kämpfen. Statt sensibel zu sein und zu denken, was ist jetzt, wenn ich diese Leute in den Krieg schicke und sie dann umkommen? fragen sie sich das nicht. Es geht darum, dass die Dummen leichter Karriere machen als die Gescheiten. Und dass wir letzten Endes von ihnen regiert und verwaltet werden.

Mir hat einmal jemand erzählt: Wenn man nicht vereinfachen kann, dann kann man kein Unternehmen führen. Als Beispiel: Es ist aufgrund der Marktsituation oder des Wettbewerbs eine Strukturveränderung notwendig, und jetzt muss der neue Geschäftsführer entscheiden, wir müssen das jetzt so und so ändern, und wer nicht bereits ist, mitzugehen in der Veränderung, der wird entlassen. Er darf nicht darüber nachdenken, dass der Mitarbeiter, der schon seit zwanzig Jahren dort arbeitet, sein Haus noch nicht abbezahlt hat, drei minderjährige Kinder hat, dass der dann in den finanziellen Ruin gestoßen wird. Er dürfe über bestimmte Konsequenzen seines Handels nicht nachdenken, sonst wird er handlungsunfähig. Sie müssen vereinfachen, um Entscheidungen auch vor sich selbst durchbringen zu können, denn wenn sie wissen würden, in welchem Kontext sie sich bewegen, müssten sie sich anders verhalten.

Dazu gehört aber auch, dass sie sich diesen Kontext einfach auch nicht vorstellen können, diesen Angestellten, der sein Haus noch abbezahlt und dann ausziehen muss oder Kinder zu ernähren hat, auch dass die Firma pleite gehen könnte durch seine Entscheidung, das kann er sich auch nicht vorstellen. Er glaubt an sich selbst. Die anderen, die sehen das alles viel zu kompliziert. Ein Dummer hat kein Problem mit sich selbst. Das gilt für die Liebe, das gilt für die Ökonomie, das gilt für alle Berufe. Ein Arzt, der jeden Tag mit seinen Patienten leidet, kann seinen Beruf vielleicht bald nicht mehr ausüben. Die Dummen haben es im Leben eben leichter als die anderen. Ohne Phantasie ist das Leben einfacher.

Eine alte Volksweisheit besagt: „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln!“ Dadurch wird zwar keine Begründung dafür gegeben, aber der Zusammenhang von Dummheit und Erfolg wird darin benannt.

Ja, da gehört Vieles dazu. ich bin froh, dass dieses Buch jetzt wieder in den Handel kommt.