Streit um die Christophorus-Schule in Hambach

Wo Jesus die Kinder begrüßt

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Alexander Michael Stier vor der Christophorus-Grundschule
Alexander Michael Stier vor der Christophorus-Grundschule

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Grundschule Hambach
Grundschule Hambach

Die Wand der Hambacher Christophorus-Grundschule schmückt ein riesiger Heiliger, auf dessen linker Schulter das Jesus-Kind sitzt, das zudem eine Art kreuzgekrönten Reichsapfel in der Hand hält. Unter anderem gegen dieses Wandbild kämpft der Vater einer Sechsjährigen, die in diese Schule geht. Der hpd sprach mit dem Vater, Alexander Michael Stier, über seine Beweggründe.

Alexander Michael Stier wandte sich an den hpd, mit der Bitte um Unterstützung und Öffentlichkeit. Er schrieb: "Meine Aufgabe als Vater sehe ich darin, meine Tochter mit Aufklärung, Wissen, Philosophie und Kunst zu einem erfüllten Leben zu verhelfen, selbstbestimmt und ohne Angst."

In der örtlichen Presse wird über den Fall des bekennenden Atheisten ausführlich berichtet. Auch das christliche pro-medienmagazin berichtete über den renitenten Vater.

Stier, dessen Tochter die Grundschule besucht, kritisiert in mehreren Schreiben an die Schulleitung, das Landesschulamt und den Landrat, dass kirchenferne Schüler Schaden nehmen würden, da sie "den Methoden der Massenpsychologie, des Gruppendrucks und Gruppenzwangs sowie einer künstlichen Autorität ausgesetzt" sind. Zudem fordert er die Umbenennung der Schule. Besonders störe ihn aber, dass der runde Geburtstag des Pfarrers der katholischen Sankt-Michaels-Gemeinde, Lothar Röhr, in der Schule gefeiert wurde, bei dem die Kinder singen mussten.

An die Schulleitung schrieb Stier unter anderem: "Ich habe meine Tochter an Ihrer Schule angemeldet, damit sie das Lesen, Schreiben und Rechnen lernt. Und nicht aus dem Grund, weil ich wirklich jeden Tag irgendwelche Fragen über Gott, Religion, Pfarrer, Heilige usw. mit meiner Tochter erörtern möchte."

hpd: Was genau stört Sie daran, dass Ihr Kind für den Pfarrer singen sollte (oder musste)? War es allein die Tatsache an sich oder auch die Lieder, die sie dafür lernen musste?

Ich kenne bis heute die Rechtsgrundlage für diese Veranstaltung und Staffage nicht, weil sie mir auch auf Nachfrage nicht benannt wurde, und ich bin darüber hinaus der Auffassung, dass meine Tochter in der Pause machen kann was sie will, üblicherweise rennen, toben, turnen, spielen, quatschen und natürlich auch essen und trinken.

Was den albern wirkenden Text des Liedes anbelangt, das der Pfarrer selbst angestimmt hatte, und das die Kinder gesungen hatten, da geht es um den Missions- und Propagandatext aus den 70er Jahren: "Laudatio Si". Eindeutig ist die Mission der Zweck dieses Gesamtwerkes aus Melodie und Text.

Vom Grundsatz her beeinflusst der Liedtext zusammen mit der mantrahaften Suggestivtechnik religionsunmündige Minderjährige nachhaltig. Der Text stellt insbesondere die Grundzüge des monotheistischen, autoritären und totalitären Aberglaubens der weltweit größten jüdischen Sekte dar, abgespalten von der Mutterreligion in einer 2.000 Jahre alten, ungebildeten Hirtenkultur, ferner werden Dogmen der spirituellen Privat-Organisation mit dem Namen römisch-katholische Kirche transportiert. Sogar der kleine Exorzismus, die Taufe, ist darin verklausuliert untergebracht. Der Vatikan steuert übrigens seine Mission weltweit über eine eigene Zentralbehörde, einen Propaganda-Apparat mit dem Namen Congregatio pro Gentium Evangelizatione. Sie umfasst vier Kommissionen, eine Universität für die Missions-Ausbildung der Kleriker und umfasst deutlich mehr als 100 Mitarbeiter.

Der von mir beanstandete Propaganda-Text "Laudatio si" stammt nachweislich von dem katholischen Priester Winfried Pilz und wurde 1974 veröffentlicht. Die Melodie selbst ist nicht von ihm komponiert.

Nach seiner eigenen Aussage gab es in Rocca di Papa in Italien internationale Kurse, die dabei helfen sollten, die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils zu verbreiten. Es handelte sich dabei um Propaganda-Schulungen. Unter anderem gehört zum Ergebnis des Konzils, dass die einzig wahre Religion verwirklicht ist in der katholischen, apostolischen Kirche, die von Jesus dem Herrn den Auftrag erhalten hat, sie unter allen Menschen zu verbreiten. Nichts anderes steht bekanntlich im Missionsbefehl der Bibel an alle Christen.

Pilz war viele Jahre in der sogenannten "Jungendarbeit" tätig, u.a. leitete er ein Zentrum der katholischen Jugendverbandsarbeit. Seine Zielpersonen für die Mission sind als offizieller Mitarbeiter seiner Organisation damit klar umrissen: Religionsunmündige und Minderjährige.

Zur konkreten Situation ist zu sagen, dass meine Tochter weder mitgesungen noch mitgeklatscht hat. Sie hatte aber während der Veranstaltung Angst vor dem Pfarrer, dass der das sehen und sie bestrafen würde. Sie kam verstört nach Hause: Sie habe nicht gewusst, wie sie sich hätte richtig verhalten solle. Mit dieser unangenehmen Gefühlslage kam sie zu mir. Bei einer vorangegangen, ähnlichen Aktion, hat meine Tochter aus Angst vor Bestrafung mitgesungen und mitgeklatscht, auch daraufhin fühlte sie sich unwohl, weil sie gegen ihren Willen und gegen ihre Überzeugung gesungen und geklatscht hatte.

Der Übergriff des Religiösen auf meine Tochter – ohne mein Einverständnis – ist nicht rechtens.

Das Staatliche Schulamt sieht die weltanschauliche Neutralität der Schule keinesfalls als verletzt an. Nach Angaben des Darmstädter Echos bekräftigte Schulamtsleiter Rainer Kilian, dass man hinter Schule und Schulleitung steht: "Hier ist alles richtig gemacht worden". Im gleichen Atemzug bestätigt er, dass "mehr als die Hälfte aller Schüler konfessionslos sind."

Haben sich andere Eltern mit Ihnen solidarisiert? Es ist doch kaum denkbar, dass die Eltern der anderen konfessionslosen Kinder die Tatsache, dass während des Unterrichts Kirchenlieder gesungen werden, nicht geärgert hat?

Ich kenne ein Elternpaar, das hinter mir steht. Dabei handelt es sich übrigens um konfessionell Gebundene, die ihre eigene Religion ablehnen. Darüber, dass sich andere Eltern geärgert hätten, weiß ich nichts.

Es scheint, aus meiner Sicht, bei einer großen Zahl von Menschen eine Art Gleichgültigkeit und Unwissenheit zugleich Religiösem gegenüber zu geben, aber auch der Gedanke, dass die ganze Folklore mit den Kindern und dem Pfarrer eine schöne Sache sei. Etwa so wie die Taufe und die Heirat in der Kirche, und wie Weihnachten in der Kirche. Ich weiß es nicht.

Mir wird nachgesagt, es sei an mir etwas Besonderes daran, weil ich die Bibel, den Katechismus, das Kirchenrecht und den Rahmenlehrplan für Religion an den Grundschulen in Hessen kenne. Aber eben auch "The Four Horsemen of the Non-Apocalypse", Schmidt-Salomon und Möller. Darüber machen sich andere wohl keine Gedanken, auch nicht darüber, warum es überhaupt einen konfessionellen, bekenntnisorientierten Religionsunterricht in staatlichen Schulen gibt: Dank Hitler und dem Vatikan, feierlich 1933 als Reichskonkordat unterzeichnet.

An dem Hitler-Pakt halten die Kirchen natürlich eisern fest. Das sind so wichtige Feinheiten, die in der Elternschaft nicht bekannt sind. Soll ich ihnen das vorwerfen? Nein, das mache ich nicht. Aber meine Tochter braucht die genannte Folkore ebensowenig wie der Reste unserer Familie.

Auf die Veröffentlichung des Artikels des Darmstädter Echos bei Facebook gab es fast 200 Kommentare. In etlichen davon wird Herr Stier rassistisch beleidigt von Menschen, deren Vorstellungskraft es übersteigt, dass ein "Biodeutscher" sich gegen die Einvernehmung durch die christliche Kirche wehrt.

Auch seiner Tochter wird unverhohlen mit Mobbing gedroht, wenn der Vater nicht aufhört, die weltanschauliche Neutralität der Schule einzufordern. "Ginge es ihm tatsächlich um das Wohle seiner Tochter, würde er sie durch seine fragwürdigen Ansichten nicht in eine solch blöde Situation bringen. Da macht er den schulpsychologischen Einsatz wohl eher nötig, als es das Singen von Kirchenliedern jemals tun könnte" ist nur ein Beispiel dafür. Man rät dem Vater, sein Kind in eine andere Schule zu geben oder gleich, das Land zu verlassen.

Nur sehr wenige Kommentatoren unterstützen den Vater in seiner berechtigten Forderung.

Ich gehe davon aus, dass Ihnen und Ihrer Familie diese unsachliche Debatte und vor allem die persönlichen Angriffe zu schaffen machen. Sie haben bei Facebook ja ebenfalls kommentiert und versucht, sachlich auf die Angriffe zu reagieren. Was Ihnen aber offenbar nicht gelang. Nun ist Heppenheim (Bergstraße) zwar eine Kreisstadt, aber eher eine kleine. Eine, in der man den Nachbarn noch kennt. Wie reagieren die Nachbarn, wie die anderen Eltern auf Ihren Vorstoß?

Die Nachbarn und die anderen Eltern reagieren gar nicht. Das Thema wird gegenüber meiner Familie und mir nicht angesprochen. Der eine oder die andere schaut zwar weg, und ein Vater hat seiner Tochter untersagt, mit meiner Tochter weiterhin zu spielen, aber das waren bisher Einzelfälle.

Unabhängig davon habe ich die Polizei in Heppenheim über alle Vorgänge unterrichtet und habe die Zusicherung der verantwortlichen Schulbeauftragen dort, dass Sie, sollten systematisches Mobbing und andere unerlaubte Handlungen stattfinden, vor Ort bei Lehrern, Eltern und Schülern Vorträge machen würde, was an einer staatlichen Schule geht, und was nicht.

Was wünschen Sie sich, wie es weitergeht? Macht Sie der Gegenwind still oder stark?

Gegenwind? Ich habe bis heute noch kein stichhaltiges oder starkes Argument gehört, noch ist mir jemals eine Rechtsgrundlage für die herrschenden Verhältnisse genannt worden. Das Stillsein gehört darüber hinaus nicht zu meinen Persönlichkeitsmerkmalen, das Gegenteil ist der Fall.

Was ich mir wünschen würde, wäre das Folgende:

  1. Religiöses Wirken würde sich auf die legalen Räume und legalen Zeiten von konfessionellem, bekenntnisorientiertem Religionsunterricht sowie Schulgottesdienste beschränken. Veranstaltungen, deren Teilnahme völlig freiwillig ist. Weitere religiöse Veranstaltungen würden grundsätzlich nicht während der regulären Schulzeit stattfinden, sondern nachmittags, wo Konfessionelle das dann für sich alleine abhandeln können.
  2. Die Wandmalerei ist einfach brutal, hässlich und eher angsteinflößend. Das Graffito sollte komplett entfernt werden. Und – der Staat ist zu weltanschaulicher Neutralität verpflichtet. Darüber hinaus sollte die Schule einen würdigen Namen bekommen. Warum nicht Darwin-Grundschule Hambach? Man könnte mit Evokids die Kinder im Geiste weiterbringen.

Nach Redaktionsschluss wurde bekannt, dass gestern eine Kundgebung "erzürnter Eltern" auf dem Schulgelände von der Polizei abgesagt wurde.