Rezension

Gute Überblicksdarstellung zu Verschwörungstheorien

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Bernd Harder auf der SKEPKON 2017 in Berlin.
Bernd Harder

Der Publizist Bernd Harder liefert eine Überblicksdarstellung in seinem Buch zu "Verschwörungstheorien. Ursachen – Gefahren – Strategien". Darin geht es um die kritische Auseinandersetzung mit Behauptungen über die ganz alten und wieder neuen "fake news".

Auffassungen über Konspirationen kursieren nicht nur im Internet. Aber gerade dort finden Behauptungen, die das Agieren geheimer Mächte hinter den Kulissen der Politik propagieren, insbesondere Verbreitung. Dabei sind die gemeinten "Verschwörungstheorien" keineswegs neu. Bereits vor der Französischen Revolution kursierten entsprechende Behauptungen von einer Freimaurer- und Illuminatenkonspiration. Heute sollen dann ebenfalls geheime Akteure hinter Lady Dis Tod oder den Terrorattacken vom 11. September 2001 stehen. Im Kontext mit dem "Fake News-Phänomen" kommt derartigen Unterstellungen immer größere Bedeutung zu. Als kritische Einführung dazu versteht sich das Buch "Verschwörungstheorien. Ursachen – Gefahren – Strategien", das der Publizist Bernd Harder vorgelegt hat. Der Autor ist Vorstandsmitglied der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) und ständiger Mitarbeiter der Zeitschrift Skeptiker. Darüber hinaus veröffentlichte er viele kritische Bücher zu Esoterik und Okkultismus.

Cover

In dem Band zu "Verschwörungstheorien" soll es einerseits um definitorische, methodische und theoretische Aspekte, aber andererseits auch um den Umgang mit "Verschwörungstheorien" gehen. Dabei handele es sich jeweils um "die Interpretation eines Phänomens oder Ereignisses …, die der gängigen Erklärung widerspricht und die mächtigen Personen oder Gruppen unterstellt, insgeheim der Gesellschaft schaden zu wollen" (S. 14). Harder arbeitet danach die Besonderheiten einschlägiger Vorstellungen heraus. Hier finden sich bereits indirekt Gründe für die Akzeptanz, heißt es doch: "Der Verschwörungstheoretiker und seine Anhänger gehören zu einer kleinen Minderheit, die im Besitz der Wahrheit ist" (S. 15). Dem folgend werden Behauptungen der Anhänger dieser Auffassungen kritisch geprüft, wozu gehört "Verschwörungstheoretiker stellen bloß kritische Fragen" oder "Verschwörungstheoretiker sind Wahrheitssucher". Der Autor macht demgegenüber deutlich, dass diese lediglich "ihre eigene 'Wahrheit'" (S. 25) konstruieren.

Dabei können bestimmte Funktionen immer wieder nachgewiesen werden, wozu etwa das Bedürfnis nach Einzigartigkeit, die Komplexitätsreduktion oder die Selbstaufwertung zählen. Treffend heißt es etwa: "Verschwörungstheoretiker halten sich selbst für eine Wissenselite, Teil einer großen Aufklärungsbewegung, die hinter die Kulissen schaut, den Schleier lüftet und exklusive Erkenntnisse besitzt, durch die sie sich der Masse der 'Schlafschafe' überlegen fühlen kann" (S. 89). Der Autor beschäftigt sich aber nicht nur mit inhaltlichen Fehlschlüssen, sondern auch mit der Gefahr einer Ermächtigung zur Gewaltanwendung. Die sei meist nur verbal der Fall, gleichwohl könne sie auch in die Praxis umschlagen. Beispiele aus der "Reichsbürger"-Bewegung stehen für diese Dimension. Und schließlich wird noch das Problem des Umgangs mit "Verschwörungstheoretikern" erörtert, schotten sich diese doch vor einer kritischen Prüfung ihrer Unterstellungen ab. Gleichwohl sei "Aufklärung mit Fakten und Gefühlen" (S. 146), wozu auch der Humor gehöre, möglich und angebracht.

Harder legt mit "Verschwörungstheorien" eine theoriegeleitete Überblicksdarstellung zum Thema vor. Dabei setzt er sich insbesondere mit anderslautenden Behauptungen auseinander, wobei abstrakte Argumente wie konkrete Fallbeispiele in den Kapiteln vermittelt werden. Gleich zu Beginn nimmt Harder sich prominente Verschwörungstheoretiker vor, welche als seriöse Journalisten wie Udo Ulfkotte oder Wissenschaftler wie Daniele Ganser galten. Gekonnt zeigt er hier wie an anderen Stellen auf, wie mit Behauptungen und Suggestionen gearbeitet und anderslautenden Fakten keine Bedeutung geschenkt wird. Gleichwohl irritiert etwas der inhaltliche Wechsel, was das Buch mitunter etwas unsystematisch macht. Harder verweist immer wieder auf die englischsprachige Fachliteratur, ignoriert aber nicht selten die deutschsprachige Fachliteratur. Dadurch betont er etwa Funktionen, die schon längst von anderen, ihm wohl nicht bekannten Forschern aufgearbeitet wurden. Gleichwohl handelt es sich um eine beachtenswerte Überblicksdarstellung zu "Verschwörungstheorien".

Bernd Harder, Verschwörungstheorien. Ursachen – Gefahren – Strategien, Aschaffenburg 2018 (Alibri-Verlag), 165 S., 10,00 Euro