Wenn die evangelische Kirche eine Studie zur Bedeutung der Militärseelsorge in Auftrag gibt, liegt der Verdacht nahe, dass deren Ergebnisse weniger dem Erkenntnisgewinn als der institutionellen Selbstvergewisserung dienen sollen. Ein Blick in die vorgelegte Untersuchung bestätigt diese Vermutung weitgehend.
Ende Januar präsentierte die evangelische Militärseelsorge in Berlin die groß angelegte Studie "Was kann und was leistet Militärseelsorge?", die sich mit "Seelsorge und Religion in den deutschen Streitkräften" befasst. Der fast 500 Seiten starke Band erschien im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht und kann kostenlos heruntergeladen werden. Eine Anfrage des hpd, wer die Studie finanziert habe und wie hoch die Gesamtkosten waren, blieb allerdings unbeantwortet – ein bemerkenswerter blinder Fleck bei einer Untersuchung, die Transparenz und wissenschaftliche Seriosität für sich beansprucht.
Wenig überraschend fällt das Fazit der Studie eindeutig aus: Die Präsenz der Militärseelsorge wird nicht nur gerechtfertigt, sondern auf der begleitenden Pressekonferenz sogar ein "proportionales Mitwachsen der Militärgeistlichen in der Bundeswehr" gefordert. Die Studie dient damit offenkundig nicht nur der Analyse, sondern auch der politischen und institutionellen Absicherung eines bestehenden Systems.
Systematische Verzerrung und Widersprüche
Ein kritischer Blick auf Methodik und Datengrundlage wirft jedoch gewichtige Fragen auf. Von 25.000 verschickten Fragebögen wurden rund 7.400 beantwortet – eine respektable Rücklaufquote. Problematisch wird es bei der Zusammensetzung der Stichprobe. An einer Stelle heißt es, die Mehrheit der Antworten stamme von evangelischen und katholischen Soldatinnen und Soldaten, während nur 3.000 Teilnehmende konfessionslos seien. Dieser Aussage widerspricht die Studie an anderer Stelle selbst: "So ermittelt die Befragung einen Anteil von 21 Prozent evangelischen und 17 Prozent katholischen Kirchenmitgliedern, von insgesamt drei Prozent Zugehörigen anderer Religionsgemeinschaften und einen Anteil von 59 Prozent – also einer klaren Mehrheit – ohne Religionszugehörigkeit (Konfessionslose)."
Diese Widersprüche setzen sich fort. Von den Kirchenmitgliedern fühlen sich gerade einmal rund zwei Drittel mit ihrer Glaubensrichtung verbunden. Zudem "sind Frauen und Männer gleichermaßen selten aktiv". Auf Seite 69 finden sich dann mit Verweis auf das Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr diese Zahlen: "Unter den Soldat:innen stellten danach die Mitglieder der beiden großen christlichen Kirchen mit 28 Prozent Evangelischen und 22 Prozent Katholischen 2022 sogar noch eine knappe Mehrheit (51,1 %)."
Die Herausgeber nehmen diese Inkonsistenzen zwar zur Kenntnis, ziehen daraus jedoch keinerlei Konsequenzen für die Interpretation ihrer Ergebnisse. Unabhängig davon, welche Zahlen nun zutreffen, steht fest: Der Anteil konfessionsgebundener Soldaten und Soldatinnen ist in der Stichprobe deutlich höher als in der Gesamttruppe – ein Umstand, der die Resultate systematisch verzerrt.
Mit den Widersprüchen geht es auch munter weiter. Einerseits wird behauptet, dass "die sogenannten Konfessionslosen einer der beiden großen Kirchen zugeneigt" seien, andererseits räumt die Untersuchung ein, dass viele Soldat:innen kaum Interesse an explizit religiösen Fragen zeigten. Dennoch wird auf Seite 353 eine Zustimmung von über 90 Prozent zur Präsenz der Militärseelsorge behauptet – ohne diese Zahl grafisch oder methodisch nachvollziehbar zu belegen. Bei der suggestiv gestellten Frage 19 ("Welche Maßnahmen sollten aus Ihrer Sicht ergriffen werden, um Ihren religiösen bzw. seelsorglichen Bedürfnissen gerecht zu werden?") konnte man zehn Antworten (inklusive Mehrfachnennungen) ankreuzen, darunter "Präsenz und Ansprechbarkeit der Militärseelsorgerinnen bzw. Militärseelsorger im Alltag erhöhen". Angesichts des hohen Anteils Konfessionsloser erscheint eine Zustimmung jenseits der 90-Prozent-Marke mindestens erklärungsbedürftig. Unweigerlich fühlt man sich an Winston Churchills Bonmot erinnert, er glaube nur jener Statistik, die er selbst gefälscht habe.
Stirnrunzeln bezüglich Ernsthaftigkeit und Datenmaterial der Studie löst die Behauptung aus, dass sich "jene Soldat:innen [...], die noch nicht oder bisher nur selten an Auslandseinsätzen teilgenommen haben", für mehr Wallfahrten aussprechen würden (S. 389), wobei an anderer Stelle steht, für "Wallfahrten und internationale Soldat:innentreffen interessieren [sich] alle gleichermaßen (wenig)" (S. 213), nämlich zwölf Prozent der Katholiken und fünf Prozent der Evangelischen (S. 371). Und im Fragebogen selbst (Frage 16 und 19) kann man Wallfahrten ausschließlich in Kombination mit internationalen Soldatentreffen ankreuzen. Wie sich daraus Rückschlüsse auf die Einstellungen zu "Wallfahrten" ziehen lassen, bleibt ein Rätsel und stellt den wissenschaftlichen Ansatz und Anspruch in Frage. Vielleicht haben "jene Soldat:innen" einfach nur Interesse an einem internationalen Soldatentreffen…?
Religiöse Bezüge unter Soldat:innen noch weniger als in der Bevölkerung verankert
Um den kirchlichen Einsatz zu rechtfertigen, wird festgestellt, "dass die Militärseelsorge von den Soldat:innen (auch) in ihrer religiös-kirchlichen Funktion wahrgenommen wird." Gleichzeitig erkennt die Studie an: "Die Ergebnisse zum 'Glauben an Gott' bestätigen nicht nur dessen geringe Relevanz in der Bevölkerung, die sich bereits in früheren Untersuchungen deutlich abgezeichnet hat. Darüber hinaus lassen sie sich auch als erster Hinweis darauf verstehen, dass explizite religiöse Bezüge unter den Soldat:innen noch weniger als in der Bevölkerung verankert sind." Auffällig ist zudem, wie weit der Religionsbegriff gedehnt wird, um Relevanz zu erzeugen. Das Mitführen von Glücksbringern oder Talismanen wird als "(quasi-)religiöse Praxis" gewertet – ein interpretativer Kunstgriff, der mehr über den Wunsch nach Deutungshoheit als über tatsächliche Religiosität aussagt.
Den eigentlichen Kern trifft die Untersuchung dort, wo sie offen ausspricht, worum es faktisch geht: Die Militärseelsorge erreicht konfessionslose Soldaten, insbesondere solche aus Ostdeutschland, die sonst kaum Berührungspunkte mit Religion haben. Genau das wird als Erfolg gewertet. Knapp ein Viertel der Konfessionslosen gibt an, die Militärseelsorge habe ihre Einstellung zu Religion, Glauben und Kirche beeinflusst. Was hier nüchtern als Ergebnis präsentiert wird, ist in Wahrheit nichts anderes als staatlich organisierte Missionierungsarbeit im Uniformbetrieb.
Die Studie "Was kann Militärseelsorge leisten?" beantwortet ihre Leitfrage letztlich nicht wissenschaftlich offen, sondern institutionell zweckgebunden. Sie zeigt weniger, was Militärseelsorge für die Bundeswehr leistet, als vielmehr, wie dringend sie sich selbst legitimieren muss. Methodische Widersprüche, selektive Interpretation und ein auffällig missionarischer Unterton untergraben den Anspruch auf Neutralität.
In einer zunehmend säkularen, weltanschaulich vielfältigen Truppe wirkt eine kirchlich dominierte Seelsorgestruktur nicht nur anachronistisch, sondern demokratietheoretisch problematisch. Was Soldaten tatsächlich benötigen – psychosoziale Betreuung, Krisenintervention, ethische Reflexion – ließe sich ebenso gut – wenn nicht besser – durch säkulare, professionell ausgebildete Fachkräfte leisten. Die Studie liefert damit unfreiwillig ein starkes Argument gegen den Ausbau und für eine grundlegende Neubewertung – wenn nicht Abschaffung – der Militärseelsorge in ihrer heutigen Form.







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