Die Kirchen in Deutschland geben sich gern als moralische Instanz in Krisenzeiten. Doch was sie nun mit ihrem "ökumenischen Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall" vorgelegt haben, erinnert an einen militärischen Einsatzplan für den Kriegsfall.
Das ökumenische Rahmenkonzept wird zwar als "internes Arbeitspapier der evangelischen und katholischen Kirche" bezeichnet, steht aber im Internet zum Download zur Verfügung. Und wer das "Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall" liest, reibt sich verwundert die Augen. Schnell entsteht der Eindruck, dass es sich mehr um ein militärisches als ein ökumenisches Rahmenkonzept handelt.
Kriegsszenarien statt Friedensbotschaft
Die Kirchen schildern ein drastisches Kriegsszenario mit logistischen Herausforderungen aufgrund von "Belastungen durch Fluchtbewegungen von Ost nach West", hinzu "sollte von einer hohen Anzahl an Verwundeten und Gefallenen ausgegangen werden", die "nach Deutschland zurückgebracht und von hier aus weitertransportiert werden". Die Zukunftsaussichten für Deutschland sind düster: "Bei einem bewaffneten Konflikt auf deutschem Staatsgebiet im Verteidigungsfall ist davon auszugehen, dass die Opferzahl in der Zivilbevölkerung sehr hoch sein wird." Es sei auch damit zu rechnen, "dass in Deutschland Kriegsgefangene untergebracht werden", wobei sich die Kirchen anbieten, die Kriegsgefangenen und das Wachpersonal "seelsorglich zu begleiten". Für gefallene Soldaten und Soldatinnen stehen Planungen für "multireligiöse Trauerfeiern" im Raum und die Frage, "in welcher Weise die Überbringung von Todesnachrichten erfolgen (…) und wie diese seelsorglich begleitet werden kann". Und weiter: "Wenn die Zahl der Gefallenen sehr hoch sein sollte und ein Transport in die Heimat nicht mehr möglich ist, werden andere Möglichkeiten des Gedenkens an die Gefallenen für die Angehörigen außerhalb der Bundeswehr geschaffen werden müssen."
Was dabei auffällt: Die Perspektive ist nicht die Verhinderung von Krieg, sondern dessen Management. Es geht um "die Einrichtung eines kompakten, circa zehnköpfigen ökumenischen Krisenstabs auf Bundesebene". Immer wieder wird das "systemische Empowerment" betont. Wichtig erscheint den Kirchenvertretern auch die Frage: "Wie lässt sich gesamtgesellschaftlich ein resilientes Mindset erzeugen?" Und die Kirche hat dafür sogleich die richtigen Antworten parat: "Für die Zivilbevölkerung werden besondere Gottesdienste und Veranstaltungen angeboten, die sich mit der Situation im Spannungs-, Bündnis- oder Verteidigungsfall auseinandersetzen. Diese greifen Aspekte von Friedensarbeit auf und fokussieren u.a. auf das Leid der Schöpfung und die Fürbitte für die Gemeinschaft und die Soldatinnen und Soldaten."
Mehr Einfluss, mehr Militärseelsorge
Parallel dazu formulieren die Kirchen konkrete Forderungen: "Wenn eine erhöhte Anzahl von Soldatinnen und Soldaten im Inland betreut werden muss, erfordert das mehr Militärgeistliche und einen Ausbau der Struktur der Militärseelsorge." Kein Wort davon, dass die Militärseelsorge in den letzten Jahrzehnten massiv erweitert wurde. Der ursprünglich vereinbarte Betreuungsschlüssel ist längst aufgeweicht, die Zahl der Militärgeistlichen im Verhältnis zur Truppenstärke hat sich inzwischen mehr als verdoppelt, worüber der hpd berichtete. Die aktuelle Initiative der Kirchen wirkt daher weniger wie eine Reaktion auf einen realen Bedarf, sondern wie der Versuch, den eigenen Einfluss im sicherheitspolitischen Kontext weiter auszudehnen.
Zugleich zeigen Formulierungen im Papier eine bemerkenswerte Selbstgewissheit. "Selbstverständlich" werde man "überkonfessionelle und interreligiöse" Angebote machen, heißt es. Dass viele Menschen – insbesondere konfessionsfreie – keinerlei Interesse an solchen Angeboten haben und diese als übergriffig empfinden, übersteigt den kirchlichen Horizont. Die Kirche sieht sich weiterhin als unverzichtbare Instanz – auch dort, wo sie gesellschaftlich längst an Bedeutung verloren hat: "Neben dem Volkstrauertag, dem Ewigkeitssonntag und Allerseelen werden weitere Zeiten und Orte geschaffen, an denen der Gefallenen in einer besonderen Weise gedacht werden kann."
Seelsorge oder Systemstütze?
Das eigentliche Problem des Dokuments liegt tiefer: Die Kirchen positionieren sich nicht nur als stabilisierende Kraft im Kriegsfall – sie wirken dabei erstaunlich routiniert, fast schon erwartungsfroh. Statt spürbarer Sorge angesichts möglicher Kriegsszenarien dominieren Planungseifer und strukturelle Selbstvergewisserung. Es geht nicht nur um Begleitung, sondern um Präsenz, Einfluss und Zuständigkeit im Ernstfall. Wer Leid als sinnstiftend interpretiert und eine religiös gerahmte Gemeinschaft beschwört, trägt letztlich zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Krieg bei. Politische Neutralität wird so nicht gewahrt, sondern unterlaufen. Die Grenze zwischen Seelsorge und Systemstabilisierung wird bewusst ausgeblendet.
Das "ökumenische Rahmenkonzept" offenbart: Die Kirchen in Deutschland nutzen Krisen und Kriege gezielt, um sich bei der Politik ins Gespräch zu bringen und die eigene Relevanz zu demonstrieren und auszubauen. Statt sich von militärischen Denkweisen abzugrenzen, nähern sie sich diesen an – sowohl organisatorisch als auch in ihrer Rhetorik. Das "Rahmenkonzept" hinterlässt einen zutiefst irritierenden Eindruck.







7 Kommentare
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Kommentare
Gerhard Baierlein am Permanenter Link
Typisch für die Kirchlichen Kriegstreiber, nur im Krieg wenden sich die verängstigten Menschen an sowas wie einen "Gott" welcher erfunden wurde von den Kirchen um dann
Bernie am Permanenter Link
Ralf Nestmeyer schreibt:
"[...]Das "Rahmenkonzept" hinterlässt einen zutiefst irritierenden Eindruck.[...]"
Ja, aber nur für die diejenigen die die Heuchelei und die Doppelmoral sämtlicher christlicher Religionen, und ganz besonders der deutschen Kirchen in beiden Weltkriegen sowie dem NS-Faschismus, siehe die aufklärerischen Werke von Karlheinz Deschner sowie Helmut Ortner zum Thema nicht kennt.
Jesus selber soll ja - von einem Evangelisten - die Worte in den Mund gelegt worden sein:
[...]Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen! Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Lk 12,51)[...]", und die evangelischen Gustav-Adolph-Werke (https://de.wikipedia.org/wiki/Gustav-Adolf-Werk) berufen sich auf einen Feldherren des furchtbaren 30jährigen Krieges, ohne dessen schwedische Armee es die evangelischen Kirche in Deutschland nicht geben würde. Trotz seines Schlachtfeldtodes in Lützen ging der 30jährige Krieg ja weiter - auch mit seinen Schweden.
Gut lt. dem erwähnten Wikipedia-Artikel:
"[...]Nach eigenen Angaben distanziert sich das Gustav-Adolf-Werk ausdrücklich von militärischer Gewalt als Mittel der Glaubensverbreitung ebenso wie von nationalistischem Missbrauch seines Namenspatrons. Die Vereine wie das Hilfswerk würden sich seit Anbeginn für bedrängte evangelische Minderheiten betont mit zivilen Mitteln einsetzen, mit Spenden, Bildungsmaßnahmen und moralischer Unterstützung. Gleichzeitig werde Gustav II. Adolfs persönlichem Glauben, Mut und Lebenseinsatz nach wie vor Respekt gezollt[...]"
...auf bayrisch würde man wohl sagen "Passt scho!"....
Gruß
Bernie
Gerhard Baierlein am Permanenter Link
Auch D.Trump rechtfertigt seine Angriffskriege mit "GOTT WILL ES" Die Erde muß doch zu zerstören sein, diese Menschen welche alles mit Gott rechtfertigen sind es nicht wert auf diesem wunderschönen Planeten
Bernie am Permanenter Link
@Gerhard Baierlein
Da stimme ich völlig mit Ihnen überein.
Übrigens Donald Trump hat ja - mit einem KI-Video - erst neulich den neuen Papst angegriffen.
Aussage Donald Trump ist der Endzeit-Messias auf die die Evangelikalen in den USA gerade gewartet haben - nach Kritik an dieser Blasphemie, auch aus dem Vatikan, soll "Jesus Christus= Donald Trump" das KI-Machwerk, aus seinen Kreisen, aber gelöscht haben.
Es ist nicht nur die alte Kreuzritterlosung "GOTT WILL ES", Trump ist so irre sich für den neuen Messias zu halten?!
Ver-rückte Welt im wahrsten Sinne des Wortes - "im Jahre des Herrn 2026" :-(
Gruß
Bernie
Rene Goeckel am Permanenter Link
Wittert da jemand ein neues Aufgabenfeld, um nicht zu sagen, eine neue Geschäftsidee?
A.S. am Permanenter Link
Religion ist unverzichtbar für den Krieg.
Mit Religion werden die Krieger mental gerüstet zum Killen und Verrecken.
Gert Hantke am Permanenter Link
Danke für den wichtigen Beitrag.
Nun müssen sich die Kirchen nicht bei der Politik ins Gespräch bringen. Sie sitzen ja wie eh und je mit an den Schalthebeln. Und sie liefern wichtige Beiträge, um Kriegen den Boden zu bereiten. Hatten sie sich kurzfristig zurückgezogen, so wittern sie angesichts der aktuellen Entwicklungen Morgenluft und möchten wieder mitmischen.
Ohne Feindbild und die Überzeugung, daß der Andere immer der Böse ist - weil wir ja die Guten sind - bestünde schon die „Gefahr“, daß die meisten Menschen nicht für das Versagen der Politik (und eben auch der Kirchen) krepieren möchten und sich den Kriegstreibern verweigern.
Die einzige Möglichkeit, ein Land zu verteidigen, besteht in der Praktizierung sämtlicher nur denkbaren Maßnahmen (und da gibt es einige), Vertrauen aufzubauen bzw wiederherzustellen, dem angeblichen Feind zuzuhören, seinen Standpunkt und seine Situation zu verstehen, außenstehende neutrale Beobachter einzubeziehen usw usw usw. Nichts davon passiert seit Jahren.
Sollte es zu einem Krieg gegen Rußland kommen, wird es keine Seelsorge mehr brauchen. Anders als in der Ukraine, wo Rußland auf eigene Bevölkerungsteile bisher eine gewisse Rücksicht nehmen mußte, würde ein Krieg gegen den Westen unvergleichlich härter ausfallen. Und so, wie hierzulande von der Gefahr durch den Russischen Bären gewarnt wird, sieht sich auch Rußland durch den Westen bedroht. Und man wird dort sicher nicht noch einmal 27 Millionen Tote betrauern wollen, sondern, falls sich eine solche Entwickllung abzeichnet, militärische Notbremsen ziehen.
Dann können sich die Kirchen „besondere Gottesdienste“ in die Haare schmieren und sich stattdessen Gedanken machen über verpasste Gelegenheiten, solchen Entwicklungen vorzubeugen.