"Geldhamster" prangert Kumpanei zwischen Staat und Kirche an

geldhamster01_ie.jpeg

geldhamster02_ie.jpeg

geldhamster01_gb.jpeg

geldhamster01_hd.jpeg

geldhamster02_hd.jpeg

geldhamster03_hd.jpeg

Am 3. Oktober feierte unser Land den 29. Jahrestag der Wiedervereinigung als Tag der Deutschen Einheit. Keine Frage, dieser Tag ist ein Anlass zur Freude, schließlich wurde eine undemokratische Staatsform durch eine friedliche Revolution beendet und die Teilung Deutschlands, bedingt durch den von Hitler-Deutschland begonnen Zweiten Weltkrieg, überwunden.

In diesem Jahr fanden die zentralen Feierlichkeiten in der Landeshauptstadt von Schleswig-Holstein, in Kiel, statt, da das nördlichste Bundesland derzeit den Vorsitz im Bundesrat innehat. Und wie jedes Jahr begann der Tag für die Spitzen unseres Landes, mit Bundespräsident, Bundesratspräsident, Präsident des Bundesverfassungsgerichtes und Bundeskanzlerin, mit einem Festgottesdienst, der in der Kieler Nikolaikirche stattfand. Was möglicherweise viele nicht weiter interessiert, erscheint bei näherer Betrachtung wie aus der Zeit gefallen. Mittlerweile gibt es in Deutschland viel mehr konfessionsfreie Menschen (38 Prozent) als Mitglieder der evangelischen (25 Prozent) oder der römisch-katholischen Kirche (28 Prozent). Dabei enthalten die Zahlen der Mitgliedschaften auch alle Kinder vom Säuglingsalter an und Mitarbeiter von Caritas und Diakonie, die ihren Arbeitsplatz gefährden würden, wenn sie die Mitgliedschaft aufgäben.

Diese Entwicklung scheint bei der Politik leider immer noch nicht angekommen zu sein. Staat und Kirche sind doch getrennt. Deutschland ist ein weltanschaulich neutraler Staat, oder?

Keineswegs, vielmehr stellen die christlichen Kirchen oder treffender gesagt, die Kirchenkonzerne, einen Staat im Staate dar, die insbesondere erhebliche finanzielle Vorteile aus der Kumpanei mit dem Staat genießen. Wer weiß schon, dass alle Bürger, also auch die Konfessionsfreien und die Andersgläubigen, die Kirchen des Landes finanzieren? Der Ablösebefehl für die sogenannten Staatsleistungen (2019 sind es circa 540 Millionen Euro, davon circa 14 Millionen Euro in Schleswig-Holstein) ist schon seit 1919 in der Verfassung (Weimarer Reichsverfassung, seit 1949 im Grundgesetz) verankert. Wir feiern 2019 also nicht nur 70 Jahre Grundgesetz, sondern auch 100 Jahre Verfassungsbruch.

Aber dies ist nur ein kleiner Teil der staatlichen Subventionen für die Kirchen. Die Kirchen steuern den Religionsunterricht, das christliche Theologiestudium bezahlt der Staat. Für den Einzug der Kirchensteuer erhält der Staat zwar 380 Millionen Euro, gewährt den Kirchen aber im Gegenzug Zuwendungen in Höhe von 12 Milliarden und Steuervergünstigungen in Höhe von 7 Milliarden Euro. Ein denkbar schlechtes Geschäft!

Genug Gründe, den "Geldhamster" in den Norden zu bestellen. Der "Geldhamster im Bischofskostüm" ist eine Skulptur der Giordano-Bruno-Stiftung Rhein-Neckar, gebaut von ihrem Mitglied Bernd Kammermeier, der in verschiedenen Bereichen künstlerisch tätig war und ist. Unterstützt wurde er von Aktivisten der Kunstaktion "11. Gebot", die in der Republik seit einigen Jahren mit "Moses" und dem "Nackten Luther" säkulare Aufklärungsarbeit leisten.

Der ursprüngliche Plan, den Hamster direkt vor der Nikolaikirche zu platzieren, so dass die versammelte deutsche Staatsspitze daran vorbei hätte defilieren müssen, ging dem Mitarbeiter des Kieler Ordnungsamtes zu weit. Schon im Vorjahr fühlte sich der gleiche Mitarbeiter dazu berufen, auch den Protest gegen die Einführung des Reformationstages als ständigen Feiertag in Schleswig-Holstein so weit wie möglich zu verhindern, was damals sogar in ein Ordnungsgeldverfahren mündete. Immerhin konnte diesmal ein Standort gefunden werden, den tausende Besucher der Feierlichkeiten passierten.

Nicht nur die tagelangen Diskussionen um den Standort führten aus Sicht des Teams zur Einschränkung ihres grundgesetzlichen garantierten Rechtes auf Versammlungsfreiheit. Auch der praktische Ablauf am Tag der Versammlung, gab Anlass zur Sorge. Das Begleitfahrzeug wurde – trotz Anmeldung – erst nach mehrmaligen Versuchen durchgelassen, da offensichtlich das Ordnungsamt nicht mit den Beamten an den Schleusen kommuniziert hatte. Immerhin bot sich ein beeindruckendes Bild, als der Wagen eskortiert von drei Polizistinnen durch die Fußgängerzone rollte. An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass die Eskorte aus Mitarbeitern der Landespolizei Schleswig-Holstein bestand, die für die Kommunikation zuständig waren und einen sehr kompetenten und sachlichen Dialog pflegten. Neben der großen Zahl von positiven Gesprächen mit Besuchern war dies eine erfreuliche Erfahrung. So durften wir sogar einen Blick auf die Diensthandys der Polizei werfen. Auch wenn das Baujahr wahrscheinlich schon im 21. Jahrhundert lag, ist eine dem Anlass angemessene Kommunikation damit nicht möglich.

Der Zugang in den Sicherheitsbereich zwei, mit Blick auf die Kirche, war selbst für Einzelpersonen nur ohne "Waffen" möglich. Dabei wurden ein Transparent und DIN-A5-Broschüren aufgrund von Gefahrenabwehrüberlegungen (!) nicht zugelassen. Nichtsdestotrotz gelang es mit einem "Kirchenstaat? Nein Danke!"-T-Shirt am Absperrgitter ein Interview des NDR interessanter zu gestalten.

Insgesamt hat sich der Auftritt und der dahinterstehende Aufwand für alle Beteiligten gelohnt, da eine hohe Zahl an Gesprächen geführt wurde und weiteres Infomaterial zum Beispiel in Bäckereien ausgelegt werden durfte. Der Auftritt des Hamsters war außerdem in zahlreichen Medien nachzulesen.