Ein Prediger legitimiert einen "heiligen Krieg" gegen den Westen, den er als vom Satanismus befallen bezeichnet. Wer in diesem Krieg stirbt, dem würden nach seinen Worten alle Sünden vergeben. Auf den ersten Blick klingt das nach der Rhetorik einer islamistischen Vereinigung – tatsächlich stammen diese Aussagen von Patriarch Kyrill I., dem Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche. Eine Kirche, deren Zweige in Deutschland weiterhin den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts genießen.
Als jemand, der selbst in einer russisch-orthodoxen Kirche getauft wurde, frage ich mich, weshalb diese Rhetorik bislang keine ernsthafte Debatte über die Voraussetzungen des Kirchenrechts in Deutschland ausgelöst hat.
Die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) in Deutschland gliedert sich in zwei wesentliche Körperschaften des öffentlichen Rechts, die parallel existieren, obwohl sie seit 2007 kanonisch vereint sind: Die Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche sowie die Russische Orthodoxe Diözese des orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland.
Beide Diözesen sind institutionell dem Moskauer Patriarchat von Kyrill I. unterstellt. Während erstere schlicht die Stellungnahmen ihres Oberhaupts wiedergibt, konnte sich letztere immerhin zu einem kritischen Statement durchringen. Deren Erzbischof Mark Arndt verurteilte den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine 2022 als "Verbrechen" und forderte den Rückzug der russischen Truppen. Auch wenn Arndt keine unkontroverse Persönlichkeit ist und er der ukrainischen Regierung unterstellt hatte, die orthodoxen Gläubigen schlimmer zu verfolgen, als dies unter Adolf Hitler der Fall gewesen sei: Seine Stellungnahme zeigt, dass eine abweichende Positionierung von der Lehrmeinung von Kyrill I. möglich ist.
Die Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche blieb hingegen weitgehend schweigsam. Seit 2022 wurde der russische Angriffskrieg weder verurteilt noch Kyrill I. in irgendeiner Form kritisiert.
Heiliger Krieg gegen "Schwulenparaden"
Anlass zur Kritik gibt es genug. Der Moskauer Patriarch unterstützt den seit 2014 andauernden Krieg gegen die Ukraine und betrachtet ihn als Abwehrkampf gegen die vermeintliche westliche Sünde der Homosexualität. Seiner Meinung nach leisten die Bewohner des Donbas Widerstand gegen die vom Westen aufgezwungenen "Schwulenparaden": "Deshalb muss man, um in den Club dieser Länder einzutreten, unbedingt eine Schwulenparade abhalten. Nicht eine politische Erklärung abgeben 'wir sind bei euch', nicht irgendwelche Abkommen unterzeichnen, sondern eine Schwulenparade abhalten. Und wir wissen, wie Menschen sich diesem Druck widersetzen und wie dieser Widerstand mit Gewalt unterdrückt wird. Es geht also darum, mit Gewalt die vom göttlichen Gesetz verurteilte Sünde aufzuzwingen – und damit den Menschen das Leugnen Gottes und seiner Wahrheit aufzuzwingen". (Quelle)
Im September 2022 erklärte Kyrill I. in einer Predigt, dass allen russischen Soldaten, die im Krieg "pflichtgemäß" fallen würden, sämtliche Sünden vergeben würden, und stellte ihr Opfer in Analogie zum Opfertod Jesu.
Im März 2024 wurde unter der Leitung von Kyrill I. der Auftrag des Weltweiten Russischen Volksrates herausgegeben, in dem die russische Invasion der Ukraine als "heiliger Krieg" proklamiert wird, der "die Welt vor dem Ansturm des Globalismus und dem Sieg eines in den Satanismus verfallenen Westens bewahrt". Die Ukraine müsse demnach vollständig in die russische Einflusssphäre übergehen. Einen Frieden stellt Kyrill I. nur dann in Aussicht, wenn die Ukraine ihre politische Orientierung ändert.
Die Berliner Diözese und ihr Patriarch
Die Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche steht ungeachtet dessen unkritisch zu ihrem Oberhaupt und teilt regelmäßig die Stellungnahmen und Ansprachen von Patriarch Kyrill I. auf ihrer Website. Der Erzbischof der Berliner Diözese Tikhon von Ruza sendet regelmäßig Grußworte an "Seine Heiligkeit". In einem Grußwort an Kyrill I. vom Februar 2025 heißt es: "Ihre unermüdliche Fürsorge für die gläubigen Kinder der Russisch-Orthodoxen Kirche in aller Welt ist für uns eine Quelle der Inspiration und der Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfer, der in solch schwierigen Zeiten das Ruder des kirchlichen Schiffes einem wahren Diener Gottes anvertraut hat".

Zwar könnte man einwenden, dass eine Kirche sich nicht zu jedem politischen Sachverhalt äußern muss. Während jedoch Erzbischof Tikhon von Ruza ausgesprochen zurückhaltend ist, wenn es um die Verurteilung des russischen Angriffskriegs geht, findet er deutliche Worte, wenn es um Kritik am ukrainischen Staat für dessen Vorgehen gegen die Kirchen des Moskauer Patriarchats geht.
Nach wie vor genießt die Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche im vom "Satanismus verfallenen Westen" den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts mit allen Privilegien. Sie kann theoretisch Kirchensteuer erheben und hoheitliche Aufgaben übernehmen.
Fragwürdige Aktivitäten in Europa
In Europa gab es bereits Fälle, in denen dem Moskauer Patriarchat unterstellte Klöster und Einzelpersonen direkt oder indirekt den Krieg unterstützten. Nonnen des Minsker Klosters der Heiligen Elisabeth, das dem Moskauer Patriarchat untersteht, haben auf mehreren Weihnachtsmärkten religiöse Produkte verkauft, während sie mit ihren Geldmitteln offen die russische Armee unterstützen. In den vergangenen Jahren erwarb das Kloster unter anderem Autos und Drohnen für die russischen Besatzungstruppen in der Ukraine. 2017 wurde in Berlin der Förderverein "Freunde des Hl. Elisabeth-Klosters e.V." gegründet.
Im Jahr 2019 wurde der deutsche Staatsbürger Sergei K. in München zu über zwei Jahren Haft verurteilt. Im August 2014 erhielt er eine militärische Ausbildung in der orthodoxen "Imperialen Legion" in Sankt Petersburg, um gegen die Ukraine zu kämpfen. Zuvor hatte Sergei K. zwei Jahrzehnte lang in Ingolstadt als Priester in einer russisch-orthodoxen Kirche gewirkt.
Diese Einzelfälle zeigen, dass extremistische Aktivitäten im Kontext der russisch-orthodoxen Kirche real sein können, ohne dass sie systematisch alle Gemeinden betreffen.
Zeit für eine überfällige Debatte
Bisher erwähnt kein Bericht des deutschen Verfassungsschutzes eine einzige russisch-orthodoxe Gemeinde. Die Problematik wurde bislang nur von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Säkularen Grünen aufgegriffen. In einem Beschluss vom Mai 2022 forderten sie: "Sofern keine zeitnahe Distanzierung von Kyrill erfolgt, fordern wir, auf Landesebene politisch zu prüfen, ob den beiden dem Moskauer Patriarchat unterstellten in Deutschland tätigen russisch-orthodoxen Kirchen […] der Status als Körperschaften des öffentlichen Rechts aberkannt wird".
Mittlerweile sind vier Jahre vergangen. Die Berliner Diözese der Russisch-Orthodoxen Kirche sah keinen Anlass, um sich in irgendeiner Form von ihrem Oberhaupt zu distanzieren. Die Rhetorik von Patriarch Kyrill hat sich dagegen in den letzten Jahren nur weiter radikalisiert.
Selbstverständlich soll dieser Artikel nicht implizieren, dass jede russisch-orthodoxe Gemeinde in Deutschland extremistisch ist. Mehrere Gemeinden in Europa haben sich deutlich von dem russischen Angriffskrieg distanziert und zum Teil sogar ihre Verbindungen zum Moskauer Patriarchat abgebrochen.
Die Frage lautet vielmehr, ob eine in Deutschland öffentlich-rechtlich anerkannte Religionsgemeinschaft ihre Privilegien unverändert behalten sollte, wenn sie institutionell einem Oberhaupt untersteht, das einen Angriffskrieg religiös legitimiert und die westliche Demokratie dämonisiert.








3 Kommentare
Kommentar hinzufügen
Netiquette für Kommentare
Die Redaktion behält sich das Recht vor, Kommentare vor der Veröffentlichung zu prüfen und über die Freischaltung zu entscheiden.
Kommentare
Gerhard Baierlein am Permanenter Link
Und wie üblich, Krieg wegen und von Kirchen ausgehend, können wir nicht endlich diesen Kriegstreibern aller Couleur eine endgültige Absage erteilen um wenigstens in der BRD
Das beste wäre im 21. Jahrhundert weltweit, von Menschen erfundene Religionen, ein für alle mal abzuschaffen um das schlimmste Übel der Erde los zu werden.
Bernie am Permanenter Link
Schöne, sicher zutreffende, Kritik am Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche ;-)
Jetzt sollen wir aber auch das wichtigste Land unseres Westens kritisieren um uns nicht völlig unglaubhaft, und doppelmoralisch, in Sachen Religionskritik zu machen.
Ich mache hier mal den Anfang:
"[...]Fundamentalismus
„Gott will es“ im Pentagon: Wie Irrglaube den Iran-Konflikt antreibt
Papst gegen Pentagon: Religiöse Rhetorik prägt Iran-Krieg.
Trump-Regierung führt „Heiligen Krieg“.
Doch wer ist hier die wahre Theokratie?
von Harald Neuber, 06.04.26 [...]"
Quelle und kompletter Text:
https://www.berliner-zeitung.de/news/gott-will-es-im-pentagon-wie-glaube-den-iran-konflikt-antreibt-li.10028706
und das hier noch als Link:
"[...]Sektenblog
Das Weisse Haus wird von christlichen Fundis und Kriegsgurgeln dominiert.
Präsident Donald Trump, sein Vize JD Vance, Aussenminister Marco Rubio und Kriegsminister Pete Hegseth legitimieren den Krieg teilweise mit religiösen Argumenten.[...]"
Quelle und kompletter Text:
https://www.watson.ch/blogs/sektenblog/101476459-das-weisse-haus-wird-von-christlichen-fundis-und-kriegsgurgeln-dominiert
Und was sagt das säkulare Europa dazu? Nichts? Oder habe ich da was überlesen nachdem wir heute eventuell sogar knapp an einem atomaren Einsatz gegen den Mullah- Iran durch die USA von Donald Trump, und seines "Kreuzritters" uns Kriegsministers, vorbeigeschrammt sein dürften?
Gruß
Bernie
Roland Fakler am Permanenter Link
Religionen und ihre Anführer können scheinbar immer noch nicht existierende Fantasiemännchen und nicht-existente Höllen benutzen, um ihre Feinde zu bekämpfen.