Präsentation immer neuer Do-it-Yourself-Methoden

Ärzte und Vereine sollen bei Suizid nicht mehr gebraucht werden

philipp_nitschke.jpeg

Philip Nitschke (hinten rechts im Bild) bei einer Demonstration in Arnheim, Juni 2024
Philip Nitschke

Der Sterbehilfeaktivist Philip Nitschke, einst australischer Arzt, hat seine neueste Erfindung vorgestellt: Ein Suizidhalsband namens "Kairos" zum raschen und schmerzfreien Tod. Seine Mission: Vernunftfähige Suizidwillige sollen einfachen und erschwinglichen Zugang zu Freitod-Möglichkeiten haben, und zwar "autonom", das heißt ohne dass darüber Ärzte oder Vereine zu entscheiden hätten.

Nitschke wird nicht müde, deren externe "Richterrolle" beziehungsweise vorherige Prüfung zur Durchführung einer Selbsttötung als Zumutung zurückzuweisen. Den Namen für das neue Suizid-Halsband hat er gewählt, da Kairos in der griechischen Mythologie einen "günstigen Augenblick zur Entscheidung" bedeutet oder auch als Gottheit beschrieben wird für eine personifizierte Gelegenheit, bevor der Fluss der Zeit (Chronos) vorbeigezogen ist.

Dabei ist das Verfahren demgegenüber banal: Nach dem Prinzip eines – allerdings gezielt tödlichen – Airbags blasen sich beim hier präsentierten "Kairos" auf Knopfdruck eines Nutzers zwei Ballons auf. Diese üben schlagartig starken Druck auf die Halsschlagadern aus. Dadurch wird der Blutzufluss zum Gehirn abgeschnürt, die Bewusstlosigkeit tritt sofort und kurz darauf der Hirntod ein. Die Methode soll bald in der Schweiz zum ersten Mal in der Realität zur Anwendung kommen.

Knopfdruck – Peng – Ohnmacht – Tod

Bereits im Oktober hatte Nitschke Mitglieder seines Vereins EXIT International (nicht zu verwechseln mit der Schweizer Organisation EXIT) laut seinem Forum bei The Peaceful Pill Handbook zu Workshops in London und Australien eingeladen. In den Niederlanden konnten dann im Dezember auch ausgewählte Journalist:innen der Vorführung an einer Puppe (Dummy) beiwohnen. Danach beschrieb er laut dem Schweizer Magazin beobachter die Funktionsweise wie folgt: "Knopf drücken, es knallt, man wird ohnmächtig und stirbt". Noch läge jedoch kein medizinisches oder juristisches Gutachten über das Halsband ("Kollar") als neue Suizidmethode vor. Dem Erfinder ginge es in seinen Worten um diese Vorstellung von Autonomie: "Es ist das grundlegende Menschenrecht jedes vernünftigen Erwachsenen, die Umstände seines eigenen Todes zu bestimmen (…) den Zeitpunkt, den Ort und das Wissen darüber." Wie Nitschke mitgeteilt hätte, soll sich als erste Anwenderin eine niederländische Patientin zum Realitätstest bereit erklärt haben – erneut in der Schweiz, wo ein liberaler Freiraum ohne gesetzliche Regelung genutzt werden soll.

Dort hatte Nitschke im Kanton Schaffhausen bereits im September 2024 seine vorherige Erfindung zur Selbsttötung ohne Medikamente, nämlich eine futuristisch anmutende luftdichte Suizidkapsel (zum sich Hineinlegen) namens "Sarco", erstmals eingesetzt. Florian Willet arbeitete für ihn als Chef der zuständigen Unterorganisation The Last Resort. Nach dem Tod einer Amerikanerin im "Sarco" (durch Einfließen von Stickstoff auf ihren Knopfdruck hin) nahm die ortsansässige Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf.

Erster Einsatz des "Sarco" gefolgt von strafrechtlichen Ermittlungen

Willet hatte dem Suizidgeschehen in einem Waldstück als Einziger beigewohnt. Für ihn war der "Sarco" ein Gerät, das in der Schweiz jedermann zur Selbstanfertigung per 3D-Drucker zur Verfügung gestellt werden könnte – solange dem Helfenden nach Artikel 115 des schweizerischen Strafgesetzbuches keine eigennützige beziehungsweise selbstsüchtige Absicht unterstellt werden kann. Die Staatsanwaltschaft Schaffhausen hatte jedoch bereits im Vorfeld angekündigt, die Verwendung des "Sarco" sei verboten und griff dann nach dem Todesfall mit unerwarteter Härte ein (der hpd berichtete). Der prominent gewordene Florian Willet kam in der Schweiz für zehn Wochen in Untersuchungshaft und nahm sich einige Monate später in Köln mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben das Leben.

Laut beobachter hat Nitschke einen Nachfolger für ihn bei The Last Resort eingesetzt, und zwar den ehemaligen Künstler und Biotechniker Marc Dusseiler. Bald soll – die erste zum Einsatz gekommene Suizidkapsel ist laut Neue Zürcher Zeitung weiterhin konfisziert – ein Doppel-Sarco entwickelt sein, in dem Paaren nebeneinanderliegend der gemeinsame Freitod ermöglicht wird.

Großes Interesse am "Kairos"

Das Interesse in etlichen westlichen Staaten (über Deutschland ist nichts bekannt) könnte ihn zu einem Game Changer einer "autonomen" Right-to-die-(Recht auf Sterben)-Bewegung machen. In diesem Sinne propagiert etwa die niederländische Bürger-/Seniorenrechts-Initiative Cooperative Laatste Will (CLW) beim letzten Willen "Baas over eigen sterven" (Boss des eigenen Sterbens) zu sein – über die dortige Euthanasie-Regelung hinaus. CLW ist inzwischen als Mitgliedsorganisation EXIT International beigetreten. Nitschke hat zudem eine weitere revolutionäre Innovation angekündigt, nämlich um das "Demenz-Dilemma" zu lösen: Ein Gerät, welches ins Bein der (noch einsichtsfähigen) betroffenen Person implantiert wird, soll ein tödliches Gift freisetzen, wenn sie demenziell bedingt vergisst, es regelmäßig zu deaktivieren. Ein gemäß Philip Nitschkes Vorliebe an die antike Mythologie anknüpfender Name ist dafür noch nicht bekannt geworden.

Unterstützen Sie uns bei Steady!