Der neue MOTRA-Monitor 2024/25 zeigt ein ambivalentes Bild: Während rund 86 Prozent der Bevölkerung fest hinter der liberalen Demokratie stehen, wächst insbesondere unter Jüngeren die Offenheit für extremistische Ideologien. Auffällig sind steigende Zustimmungswerte zu rechtsextremen Positionen sowie eine hohe Islamismusaffinität bei jungen Muslimen. Die Studie mahnt dennoch zur Differenzierung: Laut Forschern prägt im öffentlichen Diskurs oft die lautstarke radikale Minderheit die Wahrnehmung, nicht die demokratische Mehrheit.
Der Forschungsverbund MOTRA ("Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung") ist ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zur Untersuchung von Radikalisierung, Extremismus und Terrorismus in Deutschland. Ziel des Verbundes ist es, Entwicklungen und Ursachen von Radikalisierung wissenschaftlich zu analysieren und daraus Erkenntnisse für Politik, Prävention und Praxis abzuleiten. Der Forschungsverbund besteht aus mehreren universitären und außeruniversitären Einrichtungen und wird im Rahmen der zivilen Sicherheitsforschung durch verschiedene Bundesministerien gefördert, insbesondere durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesministerium des Innern (BMI). Seit 2019 untersucht MOTRA mit unterschiedlichen Methoden gesellschaftliche Entwicklungen und stellt wissenschaftlich fundierte Informationen für Entscheidungsträger und Öffentlichkeit bereit.
Der MOTRA-Monitor ist das zentrale Berichtsformat des Forschungsverbundes und erscheint jährlich. In diesem Bericht werden Ergebnisse des Radikalisierungsmonitorings sowie aktuelle Befunde aus Forschung und Praxis zu Extremismus und Radikalisierung in Deutschland zusammengeführt. Der Bericht besteht aus mehreren Teilen: einem Phänomenmonitoring mit den wichtigsten empirischen Ergebnissen, einem Forschungsmonitoring mit Beiträgen aus der wissenschaftlichen Radikalisierungsforschung sowie einem Praxismonitoring zur Extremismusprävention. Der aktuellste Bericht ist der MOTRA-Monitor 2024/25, der die neuesten Forschungsergebnisse des Verbundes zusammenfasst.
Zuerst die gute Nachricht: "Mit circa 86% [ist] der absolut überwiegende Anteil der Bevölkerung im Jahr 2025 positiv zu grundlegenden Prinzipien einer liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie eingestellt." Vor allem aber in den jüngeren Altersgruppen steigt der Trend zur Radikalisierung. Im Jahr 2025 finden sich mit 27,3 Prozent, die eine Offenheit für rechtsextremes Gedankengut erkennen lassen, und mit 5,7 Prozent manifest rechtsextrem eingestellten Personen gut ein Drittel der jüngeren Generation mindestens offen für autoritäres, rechtsextremes Gedankengut. Ähnliches gilt für die Islamismusaffinität junger Muslime unter 40, bei der 45,1 Prozent der jüngeren Altersgruppe in Deutschland latent oder manifest islamismusaffin eingestellt sind. 11,5 Prozent von diesen können als manifest islamistisch kategorisiert werden.
Zur Erfassung rechtsextremer Einstellungen wurde etwa die Zustimmung zu folgenden Aussagen gemessen: "Mein Volk ist anderen Völkern überlegen." (Zustimmung von 5,6%) "Es gibt wertvolles und unwertes menschliches Leben." (12,2%) "Vieles, was über die nationalsozialistischen Verbrechen gesagt wurde, ist übertrieben." (9,9%) Interessant ist, dass sich bei Männern eine leicht rückläufige Tendenz manifest rechter Einstellungen ergibt, während solche Einstellungen nach einem zwischenzeitlichen Rückgang im Jahr 2022 seither zunehmen. Damit liegt die Rate manifest rechtsextremer Einstellungen bei Frauen im Jahr 2025 sogar um 2,3 Prozentpunkte höher als bei Männern.
Betrachtet man die Erfassung islamistischer Einstellungen, so erfolgt diese beispielsweise über die Zustimmung zu folgenden Aussagen: "Ein islamischer Gottesstaat ist die beste Staatsform." (23,8%) "Die Regeln des Korans sind mir wichtiger als die Gesetze in Deutschland." (25,1%) "Juden kann man nicht trauen." (28,6%) Die Offenheit für islamistische Einstellungen zeigt dabei bei beiden Geschlechtern seit Jahren einen leicht ansteigenden Trend. Auffällig ist auch hier, dass 2025 mehr Frauen (10,3%) als Männer (9,8%) manifest islamistische Einstellungen vertreten, auch wenn dieser Unterschied weniger signifikant ist als bei rechtsextremen Einstellungen.
Diese Entwicklungen können durchaus Sorge bereiten. Bedenkt man jedoch die gute Nachricht vom Beginn, dass circa 86 Prozent der Deutschen positiv zur liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie stehen, so sollte man auch nicht in Panik verfallen. Über den öffentlichen Diskurs und die Rolle, die auch superreiche und soziale Medien dabei spielen, könnte man jedoch noch einmal nachdenken. So schreiben auch die Autoren der Studie: "Wir nehmen – nicht zuletzt verstärkt über das mediale Echo – vor allem das extremismusaffine Gebrüll einer anti-demokratisch-radikalen Minderheit und entsprechend motivierte Gewalthandlungen wahr. Die gesellschaftliche Mehrheit, die in demokratisch legitimer Weise, bisweilen durchaus auch radikal-streitend, um die besten Lösungen zu aktuellen Herausforderungen ringt, wird kaum gehört."







6 Kommentare
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Kommentare
Gerhard Baierlein am Permanenter Link
Die Jugend war schon immer etwas radikaler als besonnene Erwachsene, dies hat sicher auch mit der Pubertät zu tun, wir sollten dieses verhalten nicht zu sehr werten, dies wird
weiterhin Randale machen sollten besonders unsere Hilfe in Anspruch nehmen dürfen.
Thomas Spickmann am Permanenter Link
Das kommt mir bekannt vor. Mit 17 hatte ich noch Flausen im Kopf. Damals war ich mit Sicherheit noch nicht antiklerikal.
Roland Fakler am Permanenter Link
Es ist leider eine geschichtliche Tatsache, dass Umstürze und Revolutionen oft von radikalen Minderheiten gemacht werden und dass die andersdenkende Mehrheit sich in ihr Schicksal fügt.
A.S. am Permanenter Link
Die Religionen sind alle antidemokratisch.
Mir ist völlig unverständlich, warum ein angeblich demokratischer Saat die antidemokratischen Religionen fördert.
In meinen Augen ist Deutschland immer noch eine Theokratie.
Ein erheblicher Teil der Bevölkerung, auch unserer Politiker, tut, was die Kirche will.
Würden unsere Politiker tun, was die Bevölkerung will, wären die Kirchenprivilegien / Religionsprivilegien längst abgeschafft.
Carsten Ramsel am Permanenter Link
Mein Sorge ist etwas größer als die des Autors. Die 86% Zustimmung zur liberalen, rechtsstaatlichen Demokratie sind trügerisch.
Erstens hat diese Zustimmung in den letzten Jahren laut des MOTRA-Monitors abgenommen. Auf der Grundlage anderer Surveys (European Values Study, European Social Survey) kommen wir von Zustimmungen von über 90%.
Zweitens ist es besonders die junge Generation in der die Zustimmung abgenommen hat. Diese ist es aber, die in den nächsten Jahrzehnten die Demokratie leben soll. Die Abnahme der Zustimmung ließe sich bei einem Kohortenvergleich also am besten so erklären, dass die Demokraten die Älteren sind und diese sterben. Die demografische Entwicklung hat also Konsequenzen für die Demokratie.
Drittens beunruhigt mich die Entwicklung in einem Teil der islamischen Bevölkerung. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind diese durchschnittlich jünger, religiöser (https://doi.org/10.1146/annurev-soc-071811-145455) und haben eine höhere Reproduktionsrate (https://www.pewresearch.org/religion/2017/11/29/europes-growing-muslim-population/). Diese sollen nun auch weniger demokratische Einstellungen vertreten.
Der8teZwerg am Permanenter Link
Das jeder vierte Muslim unter 40 solche verfassungsfeindlichen Aussagen trifft, finde ich erschreckend. Gibt es mit dem Iran, den Taliban und dem IS nicht schon genug abschreckende theokratische Beispiele?