Filmkritik

Öffnet die Missbrauchs-Archive im Vatikan!

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Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. (2007)
Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI.

Verborgen in den Archiven des Vatikans liegen unzählige Dokumente über Missbrauchstäter aus den Reihen der Kirche – viele davon hat hat Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., persönlich unterzeichnet. Doch die Kirche hält die brisanten Akten unter Verschluss. Das Recherchenetzwerk Correctiv fordert jetzt die Öffnung der vatikanischen Archive. In der investigativen Filmdokumentation "Akten des Missbrauchs" zeichnen Correctiv-Reporter jetzt ihre aufwändige Recherche nach.

Traubensaft statt Messwein beim Gottesdienst – für die meisten Menschen ein bedeutungsloses Detail. Nicht so bei den Katholiken: Damit ein Priester die alkoholfreie Variante verwenden darf, braucht es gute Gründe und eine Erlaubnis aus dem Vatikan. Solch einen Fall gab es 1986 und er wirft ein Schlaglicht auf den Missbrauchssumpf in der katholischen Kirche.

Die investigative Dokumentation "Akten des Missbrauchs" der Correctiv-Reporter Cem Bozdoğan und Lennard Birmanns nimmt den Vorfall als Ausgangspunkt für ihre Recherche. Die "Traubensaft-Anweisung" sollte es dem Priester Peter H. ermöglichen, trotz seiner Alkoholkrankheit weiter im Dienst zu bleiben. Dass der Mann zu diesem Zeitpunkt bereits mehrfach wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt worden war, sahen seine Vorgesetzten offenbar nicht als Entlassungsgrund an. Hauptsache, das Ansehen der Kirche blieb unversehrt. So dachte wohl auch Kardinal Joseph Ratzinger, damals Präfekt der mächtigen "Kongregation für die Glaubenslehre", der die Sondergenehmigung persönlich absegnete. Dahinter steckt die ebenso schlichte wie falsche Logik: kein Alkohol, keine weiteren Übergriffe.

Ein fataler Irrtum, denn der Mann beging weitere Taten. Die Opfer waren noch Kinder, heute streiten sie vor Gericht um eine Entschädigungszahlung der Kirche. Im Prozess spielt Ratzingers Genehmigungsschreiben eine bedeutende Rolle. Und: Ein winziges Detail weckt den Verdacht, dass die Kirche noch unzählige weitere Dokumente über Missbrauchsfälle unter Verschluss hält: Dem Schriftstück fehlt die sogenannte Protokollnummer. Ohne diese Kennzeichnung sind Dokumente in den vatikanischen Archiven praktisch unauffindbar – und auch das "Traubensaft-Dokument" wäre beinahe dort verschollen. Wie der Film dokumentiert, stieß das Team von Correctiv bei seinen Nachforschungen auf insgesamt elf Briefwechsel mit der Glaubenskongregation aus Ratzingers Amtszeit, die genau diesem Muster folgen. Ein Versehen? Wohl kaum, sind sich die befragten Fachleute einig. Denn Ratzinger war für seinen akribischen Arbeitsstil bekannt.

Globale Dimension des Missbrauchsskandals

Ein Betroffener ist Andreas Perr, der als Kind von Peter H. missbraucht wurde. Heute kämpft Perr um Gerechtigkeit und verklagt das Erzbistum München und Freising auf Schmerzensgeld. Ihn lässt Correctiv ebenso zu Wort kommen wie Wilfried Fesselmann, auch er ein Missbrauchsopfer. Zudem lassen Fälle aus den USA, Kolumbien und anderen Ländern die globale Dimension des Missbrauchsskandals erahnen. Auch dies dokumentieren die beiden Filmemacher mit eindrücklichen Bildern.

Zwar erreichten Meldungen über Priester als Missbrauchstäter den Vatikan, versickerten dort jedoch oft jahrelang ohne Konsequenzen. Doch wer steuerte die gezielte Vertuschung und den Schutz der Täter? "Verfügt die Glaubenskongregation im Vatikan über die größte Aktensammlung über Missbrauchspriester weltweit?", fragt Correctiv-Reporter Marcus Bensmann. Bislang hat der Vatikan alle Anfragen des Rechercheteams abgeblockt.

Kirchenhistoriker wie Hubert Wolf und Experten wie der Ex-Priester Patrick Wall machen deutlich: Die systematische Vertuschung gehört zur "DNA der katholischen Kirche", wie es in der Doku heißt. Schriftstücke belegen, dass der Vatikan bereits in den 1930er Jahren detailliert über Missbrauchsfälle informiert war. Anstatt die Täter zu bestrafen, wurden Bischöfe angewiesen, jede Nachricht zu unterdrücken, die dem Ansehen der Kirche schaden könnte. In einem Fall forderte man die österreichischen Bischöfe sogar explizit auf, belastende Unterlagen zu verbrennen.

Dass viele Fragen offen bleiben, liegt in der Natur der Sache: Dokumente aus der Zeit nach 1958 bleiben der Forschung verschlossen. Und Akten, die sich auf priesterliches Verhalten beziehen, seien der Forschung überhaupt nicht zugänglich, sagt Kirchenhistoriker Wolf gegenüber Correctiv.

Zum Abschluss schlägt der Film den Bogen zurück zu den Betroffenen Andreas Perr und Wilfried Fesselmann. Bis heute leiden sie unter den Folgen des Missbrauchs. Die Taten sind längst verjährt, doch noch immer streiten die Opfer dafür, dass die Kirche das angetane Unrecht anerkennt.

Die Dokumentation ist Teil einer größeren Kampagne von Correctiv, die auch ein Buch und eine Unterschriftenaktion umfasst. Das Ziel: Der Vatikan muss seine Archive vollständig öffnen, muss Täter nennen und den Weg frei machen für eine Aufarbeitung millionenfachen Leids.

Cem Bozdoğan/Lennard Birmanns: "Akten des Missbrauchs", Dokumentarfilm, Deutschland 2026, 75 Minuten, FSK 12

Die Filmdokumentation ist derzeit in den Kinos zu sehen, Termine hier.

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