Zielvorstellung einer Gesellschaft ohne Privilegien

Erwin Fischer

* 7. August 1904 in Reutlingen, ∆ 15. Juli 1996 in Ulm;
Jurist und bedeutender Verfechter der säkularen Ausrichtung des Staatskirchenrechts und einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche.

 

Schon 1919 als er vom Realgymnasium in Ulm zur reformpädagogisch orientierten „Freien Schulgemeinde” in Wickersdorf wechselte, trat Fischer aus der Kirche aus. Von 1922-1926 studierte er Rechtswissenschaften in München, Hamburg und Berlin, arbeitete dann als Gerichtsassessor und schloss sich der SPD an. Seit 1930 war er in Berlin als Rechtsanwalt tätig, gleichzeitig auch als Geschäftsführer der Deutschen Hochschule für Politik. 1933 wurde er wegen seiner SPD-Mitgliedschaft aus diesem Amt entlassen, zudem mit einem Vorlesungsverbot belegt. Seine Reaktion war es, einen Aufnahmeantrag in die NSDAP zu stellen, vermutlich von dem Bestreben geleitet, seine berufliche Karriere fortsetzen zu können. Für eine ideologische NS-Belastung Fischers gibt es keinen Anhaltspunkt.

Zunächst arbeitete er weiter als Anwalt und vertrat u. a. den von den Nationalsozialisten verfemten Komponisten Paul Hindemith. 1935 ermöglichten ihm seine Kontakte zur Musikwelt sowie die in diesem Jahr erfolgte Aufnahme in die NSDAP als Geschäftsführer beim Reichsverband für Volksmusik zu arbeiten. Aufgrund seiner eigenständigen Kulturpolitik geriet er jedoch immer wieder in Konflikte mit NS-Institutionen, die schließlich dazu führten, dass 1943 seine UK-Stellung aufgehoben und er zur Wehrmacht eingezogen wurde.

Nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft 1945 ließ sich Fischer in Ulm nieder und erhielt 1950 seine Wiederzulassung als Anwalt. Im Laufe der 50er Jahre entwickelte er sich zum Spezialisten für Staatskirchenrecht. Als Anwalt führte er mehrere Verfahren, in denen es um die Verteidigung der Bürgerrechte, insbesondere von Konfessionslosen und Andersgläubigen ging. Er erstritt mehrere Urteile, in deren Konsequenz bis dahin von den Kirchen als selbstverständlich betrachtete Rechte eingeschränkt wurden. Mit seinem 1964 erstmals erschienenen Buch „Trennung von Staat und Kirche” formulierte er präzise seine Zielvorstellung einer Gesellschaft ohne Privilegien für Religionsgemeinschaften. Damit wurde er zu einem der Vordenker für eine Reform des Staatskirchenrechts.

Fischer gründete die Gesellschaft für Bürgerrechte, war Gründungsmitglied der Humanistischen Union und Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA), dessen Position im Themenfeld „Trennung von Staat und Kirche” er maßgeblich bestimmte. 1993 wurde er mit dem Fritz-Bauer-Preis der Humanistischen Union ausgezeichnet.

Von 2000-2006 vergab der IBKA den Erwin-Fischer-Preis an Personen, die sich in herausragender Weise um Weltanschauungsfreiheit, Trennung von Staat und Kirche, Förderung vernunftgeleiteten Denkens und Aufklärung über Wesen, Funktion, Strukturen und Herrschaftsansprüche von Religionen verdient gemacht haben. Als 2007 Fischers Mitgliedschaft in der NSDAP bekannt wurde, beschloss der IBKA diesen Preis umzubenennen, um zu verhindern, dass die Debatte um Fischers Verhalten während der NS-Zeit die Intentionen des Preises und die Meriten der jeweiligen Preisträger medial überlagert.