Wie die Evolutionstheorie einen Schöpfer überflüssig macht

Das (gar nicht) perfekte Auge

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Nahaufnahme eines menschlichen Auges
Nahaufnahme eines menschlichen Auges

Augenarzt Dr. Michael Wieder erklärte bei einer Veranstaltung in Düsseldorf anschaulich, wie sich unser Auge in hunderten Millionen von Jahren aus lichtempfindlichen Flecken entwickelt hat. Und dass dennoch von Perfektion und wundersamer Arbeit eines weisen Schöpfers nicht die Rede sein kann.

Das Auge erscheint wie ein Wunderwerk. Da ist das Zusammenspiel von Regenbogenhaut mit diesem kleinen und bei Dunkelheit sich vergrößernden Kreis in der Mitte, der Pupille. Da sind Hornhaut, Linse, Netzhaut, Makula, Sehnerv. Und all das kommuniziert mit dem Gehirn, welches das Gesehene verarbeitet. Kreationisten und sonstige Bezweifler der Evolutionstheorie sagen: Das ist so atemberaubend genial und kompliziert, das kann nur ein Schöpfer oder ein intelligenter Designer geschaffen haben. Genauso wie auch eine Uhr ohne Uhrmacher nicht denkbar ist.

Michael Wieder hält dagegen: "Es war die Evolution, die das Auge hervorgebracht hat, und die These eines übernatürlichen Schöpfers des Auges ist überflüssig." Der Augenarzt, der sich seit Jahrzehnten täglich mit diesem Organ auseinandergesetzt hat, setzt noch einen drauf: "Vom perfekten Auge kann keine Rede sein."

Michael Wieder ist auf Einladung des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes (DA!), einer Regionalgruppe der Giordano-Bruno-Stiftung, in den "Humanistischen Salon" des Vereins gekommen. Ein Biologielehrer mit seinem Leistungskurs ist auch im Publikum. Und DA!-Vorstand Eva Creutz freut sich in ihrer Ankündigung des Gastes, erstmals im "Humanistischen Salon" einen Friedensnobelpreisträger begrüßen zu können. Jedenfalls sei Wieder das zu einem 30-Tausendstel. Als Mitglied der International Physicians for the Prevention of Nuclear War, die 1985 diese Ehrung bekamen.

Aber darum geht es nicht an diesem Abend. Michael Wieder beginnt seinen Vortrag mit dem Hinweis darauf, dass sogar Charles Darwin, der Begründer der Evolutionstheorie, Verständnis für ehrfürchtiges Erstaunen gezeigt habe. Als er nämlich schrieb, die Vorstellung, dass das Auge durch natürliche Auswahl entstanden sei, erscheine in höchstem Maße absurd. Diesen Satz, sagt Wieder, hätten Gegner der Evolutionstheorie denn auch ausgeschlachtet nach dem Motto: Seht ihr, Darwin sagt es ja selbst. Doch sie unterschlagen, wie der Artikel von Darwin weiterging. Denn dort heißt es, dass zahlreiche Zwischenstufen der Entwicklung des Auges zeigten, dass auch einzelne graduelle Verbesserungen des Konzepts Auge nützlich für das Individuum waren. Und eben dieser Zusatznutzen, so erklärt Wieder, habe die Anpassung an die Umwelt immer weiter verbessert.

"Der Augenmacher ist blind und er heißt Evolution", sagt der Augenarzt. Und die Evolution habe Zeit gehabt. Viel Zeit. Für Veränderungen, für Verbesserungsversuche über Hunderte Millionen Jahre. Wie auch bei anderen körperlichen Weiterentwicklungen der Lebewesen seien auch beim Auge 99 Prozent der zufälligen Variationen unnütz oder gar schädlich bis tödlich gewesen. Aber die Zwischenstufen, die minimal besser angepasst waren an die unmittelbare Umwelt, hätten enorme Auswirkung auf die Individuen und ihre Nachkommenzahl gehabt. "Mit minimal besserer Sehschärfe konnte das Beutetier dem Fressfeind entkommen, und der Räuber sah die Beute besser als die Konkurrenz."

Die Entwicklung des Auges habe vor etwa 550 Millionen Jahren im Kambrium begonnen und sei im Prinzip mit dem Landgang der Wirbeltiere vor knapp 400 Millionen Jahren fertig gewesen, sagt Wieder. Auch wenn es danach freilich noch diverse Anpassungen gegeben habe.

Dr. Michael Wieder bei seinem Vortrag, Foto: © Eva Creuz
Dr. Michael Wieder bei seinem Vortrag, Foto: © Eva Creuz

Begonnen habe es mit Augenflecken, das sind lichtempfindliche Flecke wie etwa beim Regenwurm. Dieser kann damit schon erkennen, ob er sich über oder unter der Erde befindet.

Vor etwas mehr als 500 Millionen Jahren sei dann mit den Flachaugen etwas entstanden, das man bereits Auge nennen kann: Sehzellen-Fotorezeptoren und Stützzellen liefern Nährstoffe und isolieren. Quallen haben diese Art von Augen.

Dann entwickelte sich ein paar Millionen Jahre später das Grubenauge. Anders als beim Flachauge hat sich eine Delle gebildet. Man kann sich das vorstellen wie ein nach innen gerichtetes U. Anders als beim Flachauge erhält das Individuum damit Informationen darüber, aus welcher Richtung ein Lichtstrahl oder ein Schatten in dieses U, in diese Grube, einfällt. Dieses erste Richtungssehen verschafft Vorteile im Kampf ums Überleben und damit die Gelegenheit, für Nachkommen zu sorgen. Nach den bekannten Prinzipien der Evolution: Variation, Selektion und Vererbung.

Die nächste Neuerfindung der Evolution ist das Pigmentbecherauge, zu finden etwa bei sogenannten Lanzettfischchen: In der Grube bildet sich eine Pigmentschicht, die eine noch genauere Lichtlokalisation ermöglicht. Und daraus entwickelt sich später das Lochkameraauge: Die Grube schließt sich langsam und es bildet sich eine Pupille. Erstmals sieht ein Tier ein Bild, zuvor hatten die Lebewesen nur Licht wahrgenommen. Je enger das Loch, die Pupille, umso schärfer wird das Bild.

Die Evolution arbeitet weiter, entwickelt über Tausende Generationen mit den Werkzeugen von Versuch und Irrtum das Blasenauge, später dann das Linsenauge. Mit einer besseren Fokussierung, hoher räumlicher Auflösung, also Schärfe.

Zur Zeit des Landgangs der Wirbeltiere vor etwa 380 Millionen Jahren ist damit die Entwicklung im Prinzip abgeschlossen, wohl gibt es später noch weitere Differenzierungen, etwa mit Blick auf Weitsicht oder Nahsicht – entweder durch Verschiebung der Linse oder durch die Veränderung der Linsenkrümmung durch Kontrahieren des Augenmuskels.

Michael Wieder kommt auch auf die Facettenaugen der Insekten zu sprechen, eine von mehreren Parallelentwicklungen der Augen. Diese bestehen aus bis zu 30.000 Einzelaugen, die ein gutes Bewegungssehen ermöglichen. Das Insekt mit seinen Facettenaugen sieht eine Bewegung praktisch in Zeitlupe. Was erklärt, warum wir Menschen es so schwer haben, eine Mücke zu erschlagen. Auch das Auge des Pferdes mit seinem asymmetrischen Bau ist spannend. Das Tier kann mit dem einen Teil auf die Futterquelle schauen, mit dem anderen parallel die Umwelt scannen, um Gefahren zu erkennen. Recht nützlich für ein Fluchttier.

Sie sind sehr verschieden, die Augen-Variationen, auf die Wieder zu sprechen kommt. Vögel, insbesondere Raubvögel, können mit ihren eine Million Zapfen pro Quadratmillimeter fünfmal besser sehen als der Mensch. Wir wiederum können fünfmal so scharf sehen wie eine Katze, doch diese ist bei Dunkelheit klar im Vorteil.

Und doch gibt es auch heute noch quicklebendige Wesen, die fast blind sind. Wie der Maulwurf. "Ja, bedeutet das etwa, dass 400 Millionen Jahre Evolution für nichts und wieder nichts waren?", fragt Wieder und gibt auch gleich die Antwort: "Ganz und gar nicht, das ist geradezu ein Beleg für die Prinzipien der Evolution. Diese ist kein olympischer Wettbewerb, sondern es setzt sich durch, was sich für das Gesamtkunstwerk des jeweiligen Lebewesens als nützlich erweist. Schlechtere Augen machen manchmal fitter", sagt Wieder mit Blick auf den Maulwurf, der sich den hohen Energieeinsatz, den das Sehen nun mal auch bedeute, sparen könne. Unter der Erde braucht der Maulwurf eine gute Nase, gute Ohren, Grabpfoten. Im Übrigen reicht es ihm, zwischen hell und dunkel unterscheiden zu können.

Gerade dieses letzte Beispiel zeigt, dass das Auge jeweils nur so kompliziert ist wie nötig. Was nicht gebraucht wird, wird weggelassen, um Energieverschwendung zu vermeiden. Die Konstruktionen der jeweiligen Augen der jeweiligen Art sind Ergebnis der Umweltanforderungen, die es zu bestehen gilt, um überhaupt die Chance zu haben, Nachkommen in die Welt zu setzen. Insofern ist es wirklich Unsinn, vom perfekten Auge zu sprechen, das nur von einem Schöpfer geschaffen worden sein kann. Denn hätte der Mensch das perfekte Auge, wozu benötigte er dann eine Brille, ein Mikroskop oder ein Teleskop?„

Den gesamten Vortrag als Video finden Sie hier:

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