Rezension

Ein neues Leitbild für die planetare Krise

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"Wir müssen uns ehrlich machen. Die Menschheit befindet sich mitten in einer planetaren Krise". Zwei starke erste Sätze eines Buches, das klar und schonungslos die selbstverschuldeten Probleme unserer Welt und das Versagen der politischen Institutionen und handelnden Personen aufzeigt. Die Menschheit ist aufgrund mehrerer Faktoren in eine äußerst prekäre Situation gelangt, zu deren Umsteuerung nur noch wenig Zeit bleibt.

Der renommierte Philosoph und Buchautor Thomas Metzinger legt mit "Bewusstseinskultur" einen tiefgründigen wissenschaftlich-philosophischen Text vor, der eine radikale Form von Ehrlichkeit – "Wie bewahrt man seine Selbstachtung in einer historischen Epoche, in der die Menschheit als Ganze ihre Würde verliert" – und ein ernsthaftes Nachdenken darüber fordert, "wie neue gesellschaftliche Leitideen aussehen können, worin die richtige Einstellung zu der sich entfaltenden planetaren Krise besteht und was eine würdevollere Art zu leben sein könnte". Sind wir der sich rasant verschärfenden globalen Krise ausgeliefert, "oder können wir vielleicht doch noch rechtzeitig eine neue Art zu leben entwickeln, eine Lebensform, die uns ermöglicht, das giergetriebene Wachstumsmodell zu verlassen?"

Das von Machtstreben, Gier, Neid und rücksichtslosem Wettbewerb befeuerte kontinuierliche Wirtschaftswachstum führte in eine planetare Krise, deutlich ersichtlich an der Korrelation von Wirtschaftswachstum und CO2-Emissionen. Mangel an moralischer Selbstachtung, fehlendes Mitgefühl für künftige Generationen sowie fehlende kulturelle Kreativität bilden weitere Faktoren. Die Klimakatastrophe beschleunigt sich spürbar, herkömmliche Handlungsoptionen bieten nur Schadensbegrenzung und Krisenmanagement. Zur Gegensteuerung fordert der Autor neue Handlungsnormen und ein weitreichendes, wesentlich tiefer gehendes Leitbild mit kulturellem Kontext: "Bewusstseinskultur" bietet ein solches Leitbild und eine praktische Strategie auf individueller und gesellschaftlicher Ebene in einem Worst-Case- und einem Best-Case-Szenario. "Das Ziel dieses Buches ist es, eine etwas ernsthaftere Diskussion über die Möglichkeit solch eines neuen kulturellen Kontextes zu beginnen".

Cover

Die meisten Menschen spüren, dass es intellektuell unredlich ist, Optimist zu sein beziehungsweise sich weiterhin selbst zu belügen. Aus rein physikalischer Perspektive wäre es zwar noch möglich, die Erderwärmung unter 1,5 oder vielleicht 2 Grad Celsius zu halten, "aufgrund unseres Wissens über unseren eigenen Geist und seine evolutionäre Geschichte, über die politischen Institutionen auf dem Planeten sowie über den aktuellen Zustand menschlicher Gesellschaften und Kulturen" ist aber realistischerweise anzunehmen, "dass der Klimawandel in den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten einen katastrophalen und weitgehend unkontrollierten Verlauf nehmen wird".

Thomas Metzingers Ausführungen beinhalten weder Zweckpessimismus noch Verteidigung von Defätismus und Passivität, es geht ihm im Gegenteil darum, in einem neuen kulturellen Kontext mehr zu tun – verbunden mit der Forderung nach intellektueller Redlichkeit und der Kultivierung epistemischer Offenheit sowie Lauterkeit und Aufrichtigkeit sich selbst gegenüber. Um eine Chance zu haben, "müssen wir uns sowohl von ideologischen Formen eines Zweckpessimismus als auch von den vielen verlogenen Varianten eines reinen Zweckoptimismus befreien, es ist der Realismus, der auf eine neue Ebene gehoben werden muss". In diesem Zusammenhang beschreibt er die großen Beschleunigungen der Krise, wie Zunahme der Weltbevölkerung, Informationsflut, Geschwindigkeit des technologischen Wandels, Energie-, Wasser- und Flächenverbrauch, Zunahme der Treibhausgas-Emissionen, Versauerung der Ozeane, Verlust der Tropenwälder, Artensterben. Der Übergang zu einer nachhaltig entschleunigten Form des Wirtschaftens wurde nicht geschafft, was auch der Tiefenstruktur des menschlichen Geistes geschuldet ist: Gier, Neid, Dominanzstreben und Motivation durch Selbsttäuschung bildeten in der Welt unserer Vorfahren erfolgreiche Überlebens- und Vermehrungsstrategien.

"Die globale Finanzindustrie und die Wirtschaftslobby haben uns in eine ökologische Katastrophe geführt, und es scheint mehr als wahrscheinlich, dass sie weiterhin große Teile der Biosphäre des Planeten zerstören werden". Selbstverständlich könnten auch andere Entwicklungen eintreten, die der Autor beispielsweise anhand möglicher nuklearer Kriege oder Bioterrorismus via Gentechnik oder positiv im Hinblick auf künstliche Intelligenz beschreibt; "doch wenn es zu keinem dieser Ereignisse kommt, wird die Klimakatastrophe mit Sicherheit eintreten". Die Unumkehrbarkeit von Kipppunkten mit komplexen Rückkoppelungssystemen und die Trägheit physikalischer wie auch geistiger und sozioökonomischer Systeme und des eigenen Geistes und der Gesellschaften spielen dabei eine wichtige Rolle.

"Bewusstseinskultur" als Möglichkeit der Überwindung des kapitalistischen Wachstumsmodells

Es würde den Rahmen dieser Besprechung bei weitem sprengen, alle vom Autor vorgebrachten Gedanken und Vorschläge abzubilden. Vordringlich beschreibt er das Konzept einer "Bewusstseinskultur" als Möglichkeit der Überwindung des kapitalistischen Wachstumsmodells sowie als Forderung, ökonomisches Wachstum durch geistiges zu ersetzen. In einem erweiterten philosophischen Kontext wird sie "für den Einzelnen wichtig, falls die globale Situation eskaliert und die Menschheit als Ganze scheitern sollte". Bewusstseinskultur wird auch die Vorstellung verändern, die die Menschheit von sich selbst "als scheiterndes Wesen" erlebt, verbunden mit einem großen Umbruch des wissenschaftlich-philosophischen Selbstverständnisses, den der Autor eine "naturalistische Wende im Menschenbild" nennt: Genetik, kognitive Neurowissenschaften, Evolutionspsychologie und eine zeitgenössische Philosophie des Geistes liefern neue Bilder des Selbst, mit Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl.

Eine rationale Bewusstseinskultur kann als Suche nach einer neuen philosophischen Perspektive betrachtet werden und ermöglichen, dem Scheitern auf der Ebene der Spezies und des naturwissenschaftlichen Geistes gleichzeitig zu begegnen. In diesem Zusammenhang erläutert der Autor seine Strategie "säkularer Spiritualität". "Eine nachhaltige Antwort auf die planetare Krise könnte eine neue Form von Spiritualität erfordern, die eine radikale Form von intellektueller Redlichkeit mit einschließt". Säkulare Spiritualität wird mit "es geht um das Leben als Ganzes und auch um die Verminderung von Leiden" definiert, wobei einer "Spiritualität ohne Religion" großer Raum gegeben wird: "Die Naturalisierung der Religion bedeutet eine Herausforderung, auf die eine Bewusstseinskultur der Zukunft antworten muss".

Im Kapitel "Bewusstseinskultur und die planetare Krise" beleuchtet Thomas Metzinger die aktuelle und künftig wahrscheinliche Weltlage unter dem Gesichtspunkt: "Wir müssen uns ehrlich machen. Die planetare Krise rollt, die Klimakatastrophe ist in vollem Gange." Die "Panikpunkte" sind zwar noch weit entfernt, eine "neue innere Haltung, eine würdevollere Lebensform und ein kultureller Kontext, der zur veränderten Situation passt" sind jedoch unabdingbar: "Die organisierte Religion und das ökonomische Wachstumsmodell sind gescheitert, sie haben die sich nun beschleunigende Krise in wesentlichen Teilen mitverursacht."

Die vier wichtigsten Kriterien einer guten, rationalen Bewusstseinskultur:

  1. Bewusstseinskultur ist eine Ausstiegsstrategie mit Hilfe von Selbsterkenntnis und einer neuen Phase der Aufklärung; mit der Auflösung geistiger und politischer Trägheit, mit einem neuen Verständnis von säkularer Spiritualität und mit existenzieller Tiefe ohne Selbsttäuschung.
  2. Bewusstseinskultur beinhaltet Realismus und Skalierbarkeit, Optimismus ist keine Option. Sie muss wachsen, aber auch schrumpfen können und in verschiedenen Größenordnungen, sowohl vor als auch nach dem "Panikpunkt", funktionieren.
  3. Bewusstseinskultur muss dem Individuum wie auch ganzen Gruppen von Menschen ermöglichen, die eigene Würde zu bewahren, auch wenn die Spezies als Ganze scheitern sollte. Sie ist eine Kultur der Würde nach dem Prinzip der Selbstachtung.
  4. Bewusstseinskultur verbindet säkulare Spiritualität mit nicht-egoistischer Würde. "Der nicht-egoistische Raum des sich selbst erkennenden Bewusstheits-Bewusstseins kann ein viel tieferer Anker für ein würdevolles Leben sein als jede rein intellektuelle, von Philosophen erdachte Konstruktion."

"Bewusstseinskultur" ist ein populärwissenschaftliches Werk, das in schonungsloser Klarheit die Probleme der Menschheit benennt und – inhaltlich sehr dicht gepackt, intellektuell fordernd – auf Philosophie und Wissenschaft basierende Möglichkeiten aufzeigt, Wege daraus zu finden. Erläuterungen zu säkularer Spiritualität, verbunden mit Meditationsempfehlungen, vertiefen die Ausführungen. Im Schlusskapitel betont der Autor, dass es bei Bewusstseinskultur um den "Aufbau eines sozialen Netzwerkes, einer Art kultureller Plattform" geht, "von der aus wir angesichts der eskalierenden planetaren Krise ein neues Verständnis von Würde und ganz 'neue' Formen des würdevollen Lebens entwickeln können". Der Schlusssatz des Buches – "Bewusstseinskultur ist ein Erkenntnisprojekt, und in genau diesem Sinne ist unsere Zukunft auch weiterhin offen" – lässt dahingehend Optimismus zu; hoffen wir, dass der Autor damit Recht behält. Allen an diesem existenziellen Thema Interessierten kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden.

Thomas Metzinger, Bewusstseinskultur – Spiritualität, intellektuelle Redlichkeit und die planetare Krise, Berlin Verlag 2023, 205 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-8270-1488-7

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