Wie spirituelle Ausbeutung floriert

Profitwunder statt Wunderheilung

Immer wieder berichtet die Polizei von spektakulären Betrugsfällen durch selbsternannte Wunderheilerinnen, Schamanen und spirituelle Lebensberater. Allein in Bayern verloren Opfer in München und Regensburg zuletzt mehrere hunderttausend Euro. Die perfide Masche: vermeintliche Reinigungsrituale, Kräuter, Gebete und ein gefährlicher Cocktail aus Esoterik, Spiritualität und religiösem Vokabular, der tief in die Heilpraktiker- und Glaubensszene hineinreicht.

Menschen, die durch Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennungen oder andere existentielle Krisen aus der Bahn geworfen werden, sind besonders anfällig für solche Angebote. Ob esoterische Zirkel, religiöse Gemeinschaften oder "Heiler" mit Online-Präsenz: Es geht selten um Hilfe, fast immer um Kontrolle, Abhängigkeit – und Geld.

Erst im Dezember musste sich in Regensburg eine Frau vor Gericht verantworten, die einem Mann in einem solchen Setting 310.000 Euro abgenommen hatte. Anfang Januar meldete die Polizei einen weiteren Fall: Eine Schamanin mit dem Namen "Amela" brachte eine Frau dazu, ihr 200.000 Euro zu übergeben; in Österreich soll dieselbe Täterin einer weiteren Geschädigten sogar 730.000 Euro abgenommen haben. Inzwischen wird europaweit nach ihr gefahndet.

Raffinierte Betrugsmasche

In der Regel ist es immer die gleiche perfide Masche. Die späteren Opfer werden auf einschlägigen Internetplattformen, in Krankenhäusern, Yogastudios oder kirchlichen Einrichtungen angesprochen, es folgt der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses. Die bayerische Polizei beschreibt das Vorgehen nüchtern, fast protokollarisch: "Im Anschluss werden Termine vereinbart, bei denen verschiedene Rituale durchgeführt werden. Beispielsweise soll das Opfer zu einem bestimmten Zeitpunkt zu Hause eine Kerze anzünden oder ein Bad mit Rosenblättern nehmen, während die 'Wunderheilerin' bei sich zu Hause vermeintliche Gebete durchführt. Durch diese Rituale gibt die Täterin vor, die angebliche negative Energie von der Geschädigten oder deren Angehörigen auf sich zu übertragen, wodurch sich die blockierten Chakren lösen würden. Vor den Ritualen werden Weihwasserfläschchen, Kräuter oder Heiligenbilder überreicht und in weiteren Gesprächen die Erzengel erwähnt."

Heilpraktiker, Heilsversprechen und gefährliche Illusionen

Jenseits der aktuellen Fälle aus Bayern gab es in den letzten Jahren zahllose Betrugsversuche durch Heilpraktiker, die verzweifelten Krebspatienten wirkungslose "Wundermittel" für mehrere tausend Euro verkauften, worüber schon Stern-TV berichtete, während andere ihre Patienten zur Aufgabe einer Chemotherapie drängen – zugunsten homöopathischer oder esoterischer Ersatzpräparate.

Hinzu kommen viele dubiose Heiler, die seltsame Leistungen im Internet anbieten, so beispielsweise der "Heiler" Peter ("Vom Besprechen, Handauflegen bis Segnen von Menschen und Tieren ist er ein Meister seines Fachs"), flankiert von seiner Partnerin, der "Schamanin Melina – Verkörperung von Jesus und der heiligen Maria". Der Übergang zwischen religiöser Fantasie, Wahn und Geschäft ist hier fließend – und offenbar lukrativ. Für 100 Euro kann man sich bei Peter auch seinen "persönlichen Heilstein" aussuchen.

Der blinde Fleck: Wenn die Kirche beteiligt ist

Doch während Polizei und Justiz gegen Schamaninnen und Wunderheiler ermitteln, bleibt ein Bereich erstaunlich unbehelligt: die katholische Kirche selbst. Denn auch sie praktiziert bis heute Rituale, die rational kaum von esoterischen Exorzismen zu unterscheiden sind – allerdings mit offizieller Genehmigung und staatlich eingezogener Kirchensteuer.

Teufelsaustreibungen, euphemistisch als "Großer Exorzismus" bezeichnet, sind im katholischen Kirchenrecht tief verankert und werden auch von Papst Leo XIV. als Akt der Liebe Gottes legitimiert. Speziell ausgebildete Priester führen sie im Auftrag ihrer Bischöfe durch, finanziert aus Kirchensteuermitteln.

Hinzu kommt ein weiterer, selten thematisierter Aspekt: Wo Angst, Leid und spirituelle Deutungshoheit zusammentreffen, fließen nicht nur Steuergelder, sondern oft auch Spenden. Zwar wird der Exorzismus offiziell nicht "verkauft", doch Begleitgespräche, Wallfahrten, Kerzenopfer oder freiwillige Zuwendungen gehören als Ritual zum kirchlichen Umfeld. Dass dabei auch finanzielle Abhängigkeiten entstehen und Schenkungen an die Kirche vereinbart werden können, wird kaum hinterfragt – erst recht nicht transparent gemacht.

Menschen mit psychischen Erkrankungen werden in diesem Kontext nicht selten als "vom Satan besessen" gedeutet; medizinische Hilfe tritt hinter religiöse Erklärungsmodelle zurück. Was bei selbsternannten Schamaninnen als Betrug verfolgt wird, gilt innerhalb der Kirche als Seelsorge – und bleibt damit nicht nur straflos, sondern potenziell einträglich. 

Unterstützen Sie uns bei Steady!