Interview

Die erste Widerstandsaktion gegen "Religion für alle"

Mit einer Petition setzt sich die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Hamburg dafür ein, dass in den Klassen 1 bis 6 eine Alternative zum Religionsunterricht angeboten wird. Gerhard Lein ist ehemaliger Schulleiter und Religionslehrer in Hamburg und war zudem Abgeordneter der SPD in der Hamburger Bürgerschaft. Der hpd sprach mit ihm über die Petition, die staatliche Neutralitätspflicht und das "klerikale Kartell" hinter den Kulissen der Hamburger Bildungspolitik.

hpd: Herr Lein, Was war Anlass für den Start der Petition im Mai 2025?

Gerhard Lein: Nach der Vorlage neuer Bildungspläne für ein neues Fach "Religionsunterricht für alle" (RUfa, dialogisch orientiert und gemeinsam von fünf Religionsgemeinschaften verantwortet) vor einigen Jahren und der nicht eingelösten Bereitschaft des Hamburger Senats zur öffentlichen Debatte über dessen Inhalte, begann bei uns in der GEW ein neues Nachdenken. Die ersichtliche Ungleichheit zwischen den Klassen 7 bis 12/13 mit einem Alternativfach Philosophie und den Klassen 1 bis 6, in denen ein Alternativfach verweigert wird, führte im GEW-Landesvorstand zu einem (fast) einstimmig beschlossenen Auftrag, gegen diesen Zustand aktiv zu werden.

In Hamburg gibt es "Religionsunterricht für alle", der sich an alle Schülerinnen und Schüler richtet, unabhängig von Religion und Weltanschauung. Warum ist dieses Modell aus säkularer Sicht problematisch?

Ein Unterricht, der ausschließlich durch Religionsgesellschaften inhaltlich verantwortet wird, und ausschließlich durch von ihnen beauftragtes Personal erteilt wird, kann eine säkulare, gar atheistische, Weltsicht nicht glaubhaft vermitteln. Dazu kommt, dass das Bundesverfassungsgericht 1985 normativ dargelegt hat, der Religionsunterricht habe Bekenntnisunterricht zu sein, nicht etwa Religionskunde. Das hören vermeintlich liberale Religionslehrer*innen nicht gerne.

Sie waren selbst Religionslehrer. Wie haben Sie den Spagat zwischen dem staatlichen Bildungsauftrag und der (vorausgesetzten) Nähe zur religiösen Verkündigung erlebt? Ist eine objektive Religionskunde unter dem Dach der Konfessionalität überhaupt möglich?

Das ist länger her bei mir, es war, als die Hamburger*innen noch mit großer Mehrheit der evangelischen Kirche angehörten. Seinerzeit war der Religionsunterricht noch nicht in die engen Fesseln der Konfessionalität gelegt. Eine kirchliche Legitimationspflicht gab es nur bei meinen Staatsexamina. Später – ich war längst kein Kirchenmitglied mehr und atheistisch-säkular – wurde von mir nie eine kirchliche Lehrerlaubnis gefordert, auch später als Schulleiter in Aufsicht für meine Kolleg*innen nie. Die im Grunde positive Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften im Religionsunterricht ("miteinander reden, nicht übereinander") lässt völlig außen vor, dass die klare Bevölkerungsmehrheit Hamburgs bekenntnisfrei ist. Eine Religionskunde ist von der Hamburger Regierung, aber auch von den Religionsgesellschaften, nicht gewollt. Sonst hätten sie die Angebote zur inhaltlichen Beteiligung säkularer Verbände (z.B. des Dachverbands Säkulares Forum Hamburg) nicht so schroff ausgeschlossen und die formalen Legitimationsanforderungen beim Lehrpersonal durch die fünf beteiligten Religionsgesellschaften nicht so hartnäckig wiederbelebt.

Kritiker befürchten häufig, dass ohne Religionsunterricht das Wissen über Traditionen verloren gehe. Wie würde eine säkulare "Religionskunde" in den Jahrgangsstufen 1 bis 6 aussehen, die informiert, ohne zu missionieren?

Der RUfa im Namen von fünf Religionen soll die jeweiligen Glaubenswahrheiten behandeln. Selbstverständlich sind in den gemeinsamen Bildungsplänen aber auch viele religionskundliche Elemente enthalten. Religionskunde, also Wissen – auch kritisch-ablehnendes – über Religionen, ist indes kein exklusives Recht der Religionsgesellschaften. Der Staat hätte die Hoheit über Bildungspläne – und würde sich selbstverständlich wie in anderen Unterrichtsfächern auch mit der Expertise von Fachleuten, also Religionskundlern an Universitäten, aber auch Theologen versorgen. Im Übrigen gehören zur Wertebildung der jungen Generation in den Schulen mehr als nur Kenntnisse über Religionen. Es würde über die Evolutionsgeschichte der Menschheit, gesellschaftliche Feste und ihre zum Teil religiösen Entstehungsgeschichten sowie über Gut und Böse unterrichtet. Das religiöse Beten würde in andere Traditionen der diesseitigen Selbstvergewisserung (z.B. Meditation) einsortiert und bewertet. Philosophieren mit Kindern ist in Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein anerkanntes Schulfach neben dem Religionsunterricht. Warum nicht auch in Hamburg?

Warum halten die Politik und die Schulbehörde Ihrer Meinung nach so hartnäckig an den Verträgen mit den Religionsgemeinschaften fest, obwohl die Zahl der Kirchenaustritte massiv steigt?

Gerhard Lein
Gerhard Lein, Foto: © Evelin Frerk

Mir kommt da das Buch "Das klerikale Kartell" von Helmut Ortner in den Sinn. Der nachlassenden Bindung von Menschen an Religionsorganisationen steht das Interesse der Politik an gesellschaftsrelevanten Organisationen gegenüber (je größer, desto besser und "verlässlicher"). Und wenn deren Einfluss sinkt, dann tut man sich enger zusammen. Das ist aber nur eine Erklärung. Die sogenannten Staatskirchenverträge – in Hamburg jahrzehntelang unbekannt und in der kurzen Zeit der CDU-Regierung von Ole von Beust begonnen – lösten in nachfolgenden Regierungen Gleichbehandlungswünsche aus. Fünf solcher Verträge gibt es, sie enthalten auch Klauseln, die den Religionsunterricht und die Religionslehrer*innenausbildung betreffen. Die muslimische Seite fühlte sich "auf Augenhöhe" anerkannt, die alevitische Seite erstmals in der Geschichte gleichbehandelt mit den Muslimen. Und die fünf taten sich zusammen, um ihren gesellschaftlichen Einfluss zu stärken.

Was entgegnen Sie dem Argument, schulische Erziehung brauche die Kirche als "moralischen Kompass"?

Ist es nicht spannend, dass die Religionsgesellschaften längst hingenommen haben, dass (mindestens) die Hälfte der religionsmündigen Schüler*innen sich selbstbewusst für Philosophie als Alternativfach zum Religionsunterricht entscheidet? In der Grundschule kämpfen sie verbissen um die Seelen aller Kinder. Die großen Kirchen versichern sich zum Beispiel der Zusammenarbeit mit islamischen Gesellschaften (auch islamistischen!). Wessen "moralischer Kompass" soll denn da gelten? Der eines liberalen Kulturchristentums oder der einer fundamentalistischen Islamauslegung? Interessant nebenbei, dass im letzten rot-grünen Koalitionsvertrag noch stand, dass im Religionsunterricht säkular und religionsfern aufwachsende Kinder "identitätsstiftende" Angebote erhalten sollen. Im Koalitionsvertrag dieser rot-grünen Landesregierung ist diese oder eine vergleichbare Aussage nicht mehr enthalten. Offensichtlich hat man bemerkt, dass säkular-atheistische Lebensentwürfe in diesem Religionsunterricht nicht glaubhaft vermittelt werden können.

Was können Sie über die Stimmung unter den Eltern der betroffenen Schülerinnen und Schüler sagen? Gibt es dort einen starken Wunsch nach einem alternativen Fach?

Die öffentliche Resonanz auf unsere Petition ist beachtlich. Gerade auch die über 500 Kommentare von Unterzeichner*innen machen deutlich, dass elterlicher (und großelterlicher!) Frust stark ist. Unsere Forderung einer Elternbefragung über das Fach Religion oder ein alternatives Fach (wie es in Mittel- und Oberstufe den religionsmündigen Schüler*innen selbstverständlich zugestanden wird) lehnt die rotgrüne Koalition ab. Öffentliche Begründung: Es gebe angesichts geringer Abmeldezahlen keinen Bedarf, vielmehr eine erkennbar hohe Zustimmung zum RUfa. Unter der Hand und in vertraulichen Gesprächsrunden allerdings heißt es, dass mit einer Befragung dann auch ein Alternativangebot (z.B. Philosophie/Ethik, wie es die GEW fordert) vorgelegt werden müsse, und das würde ein nicht beherrschbares Ventil öffnen.

Wahr ist aber auch: Eltern wird es schwergemacht, ihre Kinder vom RUfa zu befreien, weil es a) kein Alternativangebot, gleichwohl aber eine schulische Betreuungspflicht für nicht teilnehmende Schüler*innen gibt, und das stört die Schulabläufe; b) die Informationen über den RUfa und seinen Charakter von der Schulbehörde auf die einzelnen Klassenlehrer verlagert (… "macht die Schule auf Elternabenden" …); c) Eltern diesbezüglich schnell als Störenfriede kenntlich macht, welche die schulischen Organisationsabläufe belasten (Ansage an Lehrer*innen: In deiner Klasse mit 3 Abmeldungen machst du uns ganz schön zu schaffen). Zudem ist der Leidensdruck von Eltern gering, weil die Unterrichtsrealität im RUfa häufig eine ganz liberale ist und in diesem gemeinsamen Unterricht der ganzen Klasse auch RUfa-fremde Dinge geschehen, vom Klassenrat über Geburtstagsfeiern bis zu anderen gemeinschaftsstiftenden Aktivitäten.

Die Petition wurde im Mai 2025 gestartet, bislang gibt es fast 3.000 Unterzeichner. Wie bewerten Sie diesen Zwischenstand?

Zunächst einmal ist die GEW-Petition die erste grundsätzliche öffentliche Widerstandsaktion gegen die derzeitigen, jahrelang hingenommenen Verhältnisse beim Religionsunterricht in Hamburg. Wir erhalten Unterstützung von unserer Gewerkschaft und von zahlreichen Organisationen, von Terre des Femmes, von Landesschüler- und Landeslehrervertretungen (Schülerkammer, Lehrerkammer), einzelnen Parteigliederungen bei Grünen und SPD, vom Säkularen Forum Hamburg und dem Fachverband Philosophie. Die Landeselternvertretung drückt sich jedoch vor einer Stellungnahme. Die Unterschriftensammlung ist also Netzwerkarbeit, denn in die Schulen kommen wir nicht hinein. Zuspruch kommt auch aus anderen Bundesländern, von Wissenschaftlern. Aber klar, es gibt auch Widerstand, erkennbar und hartnäckig.

Eine Petition an die Hamburgische Bürgerschaft kann von einer einzelnen Person, aber auch von Tausenden gestellt werden. Ob sie angenommen wird, ob sie debattiert wird, ob der Behörde eine "Berücksichtigung empfohlen" wird oder sie schlicht als "nicht abhilfefähig" (so die parlamentarische Formulierung für einen Beendigungsbeschluss) einsortiert wird, liegt nicht mehr in unserer Hand.

Eine Petition bei openPetition hat eine auf maximal ein Jahr begrenzte Laufzeit, die in diesem Frühjahr endet. Jetzt sammeln viele unverdrossen weiter Unterschriften. Wir haben einen Stein ins Wasser geworfen, der heftig Wellen aufwirbelt. Die Auseinandersetzung wird sicherlich weitergehen, zumal auch in anderen Bundesländern die jeweiligen geltenden Landesregelungen beim Religionsunterricht in die Diskussion geraten. Und dass in unserer drastisch säkularer werdenden Gesellschaft die exklusiven Privilegien von Religionsgesellschaften weiter konfliktfrei toleriert werden, ist nicht anzunehmen.

Vielleicht zum Schluss etwas Versöhnliches: Uns geht es nicht um einen Kampf gegen gläubige Menschen beziehungsweise gegen deren religiöse Überzeugungen. Es geht darum, veränderte gesellschaftliche Wirklichkeiten zu respektieren sowie die staatliche Neutralitätspflicht gegenüber Religionen und Weltanschauungen und die bislang nicht eingelöste Pflicht zur Äquidistanz, also den gleichen Abstand ihnen gegenüber, zu befördern.

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