Kommentar

Halbwahrheiten in Diensten der Propaganda für den Religionsunterricht

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Werbeplakat der religiösen Kampagne "Raum für Fragen. Mein Religionsunterricht"

Vor Kurzem berichtete der hpd bereits über den Auftakt der aktuellen Propagandaoffensive der Nordkirche für den Religionsunterricht. In der Beilage des Hamburger Abendblatts "Himmel & Elbe" ist zu dieser Kampagne nun ein Interview erschienen, das eine kritische (und etwas polemische) Würdigung verdient.

"Himmel & Elbe" erscheint insgesamt achtmal im Jahr und ist eine Kooperation von Hamburger Abendblatt, Evangelisch-Lutherischer Kirche, der Diakonie, der Katholischen Kirche und der Caritas. Nach eigener Aussage ist es "[e]in Magazin, das sich Wertedebatten stellt, Kontroversen nicht scheut und dennoch unterhaltsam ist". In der Tat unterhaltsam. Aber nicht in der Art, wie die Redaktion denkt …

Unter dem Titel "Raum für die Fragen des Lebens" in der Ausgabe vom 10.09.2019, S. 16, interviewte Ann-Britt Petersen vom Hamburger Abendblatt (sie hat dort zum Beispiel den Gottesdienst-Test gemacht) zum Thema Religionsunterricht Hans-Ulrich Keßler, Leiter des Pädagogisch-Theologischen Instituts der Nordkirche (ev.), und Friederike Mizdalski, Leiterin des Referats Religionspädagogik in Schulen im Erzbistum Hamburg (kath.). Evangelisch und katholisch, damit die Parität gegeben ist – schließlich stecken hinter dem Magazin beide Konfessionen.

Ganz ehrlich, aus meiner Sicht ist das Interview eine Katastrophe. Lesen Sie es sich ruhig einmal durch, bevor Sie hier weiterlesen. Es ist auch nicht mal halb so lang wie diese Kritik. Die Antworten sind voller Halbwahrheiten, ein kritisches Nachfragen von Petersen findet nicht statt. Meine Kritik erfolgt hauptsächlich aus säkular-atheistischer und historischer Sicht. Meiner ganz persönlichen Déformation professionnelle.

Auf die erste Frage des Interviews: "Wieso gibt es an staatlichen Schulen Religionsunterricht?" antwortet Keßler: "Der Religionsunterricht ist im Grundgesetz als ordentliches Lehrfach verankert. Der Staat sieht hier einen Bildungsauftrag." Bereits hier muss man sich die Frage stellen, welcher Staat? Da das Interview im Hamburger Abendblatt beilag und sich auf Hamburg bezieht, werde ich einmal aus Hamburger Perspektive kommentieren.

Lassen Sie mich etwas ausholen. Die Hamburger gaben sich 1860 in den langen Nachwehen der Märzrevolution ihre erste weitgehend demokratische Verfassung. Seitdem sind im Hamburgischen Staate Kirche und Staat getrennt, der Religionsunterricht wurde vom Staat organisiert. Die Kirche hatte nur ein geringes Mitspracherecht und der Unterricht war liberal und nicht positiv geprägt. Die Sozialdemokraten wollten ihn ganz abschaffen, weil sie der Ansicht waren (heute sind sie es leider kaum noch), dass Religion nichts in der Schule zu suchen habe, und die Positivisten (eine Art orthodoxe Ausrichtung innerhalb der damaligen Hamburgischen Kirche) wollten ihn ebenfalls abschaffen, weil er ihnen zu liberal war. Diese Auseinandersetzung erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 1907/08 im "Hamburger Schul- und Kirchenstreit". Im Zuge der Novemberrevolution von 1918 wurde der Religionsunterricht vom Arbeiter- und Soldatenrat tatsächlich abgeschafft, was die neue, demokratisch gewählte Hamburger Bürgerschaft im Nachgang auch bestätigte. Der Hamburgische Staat, als er seine erste wirklich demokratische Regierung hatte (nein, ich meine nicht den Arbeiter- und Soldatenrat), sah hier also mitnichten einen Bildungsauftrag. Hamburg musste allerdings auf Gerichtsbeschluss den Religionsunterricht wieder einführen, da auf Reichsebene der konfessionsgebundene Religionsunterricht in die Weimarer Reichsverfassung aufgenommen wurde. Im Übrigen mussten auch andere Länder den Religionsunterricht durch diesen Gerichtsbeschluss wieder einführen. Der entsprechende Paragraph fand auch Eingang in das Grundgesetz.

Beispielbild
Großflächige Werbung für den Religionsunterricht in der Hamburger U-Bahn. (© Fabian Krahe)

Im Interview fährt Keßler fort, die Schüler sollten "erfahren, dass neben der eigenen Bindung an eine Religion oder Weltanschauung auch andere Überzeugungen stehen können." Und Mizdalski antwortet auf die Frage nach den Vorurteilen zum Religionsunterricht: "Der schulische Religionsunterricht ist nicht mit dem Glaubensunterricht in der Gemeinde zu verwechseln. Dort wird in den Glauben hineingeführt. In der Schule sollen die Schüler zu einem eigenen Urteil kommen. Das kann auch aus dem Glauben herausführen." Kennen Sie das Gefühl, den Kopf auf Ihre Schreibtischplatte schlagen zu wollen?

Aus meiner Perspektive ist das einfach Unsinn. Ist Ihnen eigentlich auch aufgefallen, dass Keßler nicht das Attribut "konfessionsgebunden" benutzt? Es taucht im Interview nicht einmal auf. Genau das ist nämlich der Knackpunkt. Denn Religionsunterricht, so sieht es das Grundgesetz vor, ist konfessionsgebundener Bekenntnisunterricht, das heißt, er soll von Religionslehrern gegeben werden, die Mitglied der jeweiligen Religionsgemeinschaft sind und auch von dieser eine Lehrgenehmigung erhalten (die ihnen auch gerne wieder entzogen werden kann, wenn sie sich falsch verhalten oder das Falsche sagen). Der Unterricht richtet sich explizit an Schüler, die auch dieser Konfession angehören, eben genau damit sie in ihren eigenen Glauben eingeführt werden.

Als der Religionsunterricht in Hamburg 1918 abgeschafft wurde, war es für den konservativen Teil der Bevölkerung nichts Geringeres als der Untergang des Abendlandes (auch wenn sie es damals nicht so genannt haben) und direkt kam von ihnen das Argument, es gäbe doch gar nicht genug Pastoren, die nun Konfirmationsunterricht erteilen könnten, um die Abschaffung des Religionsunterrichts auszugleichen.

Im Unterschied zum konfessionsgebundenen Religionsunterricht steht der Religionskundeunterricht. Nur in Bremen gibt es diesen an staatlichen Schulen, da sich Bremen bereits vor der Verabschiedung des Grundgesetzes eine Verfassung gab, die den konfessionsgebundenen Religionsunterricht verbat (Bremer Klausel). In Bremen lernen die Schüler also im Unterricht andere Religionen kennen, ohne der – qua Amt – missionarischen Haltung eines Religionslehrers ausgesetzt zu sein. Mizdalski gibt dies in ihrer Antwort auf die Unterschiede zwischen evangelischer und katholischer Praxis sogar indirekt zu: "Uns ist es jedoch wichtig, dass der katholische Religionsunterricht nur von katholischen Lehrern erteilt wird. Es soll für die Schüler einen Austausch mit einer Lehrkraft geben, die selbst im Glauben steht und aus ihm heraus erklären kann." Und bei der Frage nach den Inhalten: "Weil viele Schüler nicht mehr in einem religiösen Umfeld aufwachsen, werden überlieferte Traditionen und biblische Texte in Beziehung zu den Lebenswelten der Schüler gesetzt."

Das gilt hier insbesondere für den katholischen Religionsunterricht. Die Nordkirche führt in Hamburg das sogenannte Hamburger Modell durch. Das ist ein gemeinsamer Religionsunterricht, also für alle Schüler, insbesondere auch Muslime, aber in evangelischer Verantwortung. Auf die Fragen zum Hamburger Modell möchte ich an dieser Stelle nicht explizit eingehen, es dient im Grunde dazu, möglichst viele Schüler nicht mit säkularem, sondern religiösem Gedankengut bekannt zu machen. Das Hamburger Modell halte nicht nur ich so für nicht grundgesetzkonform.

Wenn Mizdalskis auf die Frage nach dem Inhalt des Religionsunterrichts unter anderem antwortet: "Und es geht auch hier um die Dialogbereitschaft und Toleranz gegenüber anderen Religionsgemeinschaften", dann zeigt sich doch, dass gar kein Verständnis darüber herrscht, dass es auch Feindschaft gegenüber den Konfessionslosen gibt. Es geht nicht um Atheisten, um Konfessionslose, sondern um Religion und diese zu verbreiten. Und besser sind die Kinder überhaupt religiös als atheistisch. Beiden Kirchen laufen die Mitglieder weg.

Interessant ist auch Keßlers Antwort auf die Frage nach den Vorurteilen gegenüber dem Religionsunterricht: "Sehr viele Menschen haben das Bild, dass sich Kirche in Schule hineindrängen will." Hier muss ganz klar gesagt werden, dass er recht hat, es ist ein falsches Vorurteil. Denn historisch war die Kirche immer in der Schule. Seitdem Deutschland säkularer wird, also seit gut 170 Jahren, versuchte der Staat (vor allem unter Führung der Sozialdemokratie – ja, ich weiß, heutzutage nicht mehr) immer wieder, die Kirche aus der Schule heraus zu drängen. Das ist bis jetzt noch nicht konsequent gelungen. Um es klar zu sagen, dies hier, dieses Interview, ist ein Rückzugsgefecht der Kirche!

Keßler fährt fort: "Aber der Staat hat die Verantwortung für die Inhalte des Fachs an die Kirchen vergeben, weil ihm die Bildung in dem Punkt nicht egal ist." Kopf, Tischplatte, Sie wissen schon. Andersherum wird ein Schuh daraus: "Weil dem Staat die Bildung in dem Punkt nicht egal ist, hat er die Verantwortung für das Fach übernommen." Im öffentlichen Diskurs wird es nämlich besonders deutlich, wenn nach einem Islamunterricht an staatlichen Schulen verlangt wird, in dem der Staat einen gemäßigten, europäischen Islam lehren soll.

Und Keßler weiter: "Übrigens ist für die allermeisten Schüler Religion ein bedeutsames Fach. Auch für konfessionslose Schüler. Weil es dort um existenzielle Fragen geht, die in keinem anderen Fach behandelt werden." Erstens gibt es dafür den Philosophieunterricht, worauf Keßler sogar in Frage 1 hingewiesen hat – zur Schande Hamburgs aber erst ab der siebten Klasse, Religionsunterricht hingegen schon in der Grundschule –  jetzt aber offenbar wieder vergessen hat, und zweitens gab es in Hamburg tatsächlich einmal eine weltanschauliche Alternative zum Religionsunterricht: sie nannte sich Lebenskunde. Ja, Hamburg hatte einen Lebenskundeunterricht, zum Teil mit einer Teilnahmequote von über 15 Prozent der Schüler und Schülerinnen. Zwischen 1927 und 1933 bestand an Hamburger Schulen die Möglichkeit, am Lebenskundeunterricht teilzunehmen. Dieser wurde allerdings schnell wieder abgeschafft, als die Nationalsozialisten in Hamburg die Macht übernahmen. Den Nationalsozialisten war die "Schulpolitik der Linken" zuwider. Sie waren deutlich antiatheistisch eingestellt. Wer Mitglied in der NSDAP werden wollte und nicht religiös affiliiert war, musste doch zumindest "gottgläubig" sein. Die NSDAP bekam durchaus auch Unterstützung durch die Evangelisch-lutherische Kirche im Hamburgischen Staate. Die beiden Hamburger Landesbischöfe, das Amt wurde erst 1933 geschaffen, Simon Schöffel (Bischof 1933-1934 und 1946-1954) und Franz Tügel (Bischof 1934-1946) begrüßten beide ausdrücklich den Nationalsozialismus und dessen völkisches Gedankengut.

In Antwort auf Frage 1 erklärte Keßler übrigens: "Es wird niemand zum Unterricht gezwungen. In der Grundschule können Eltern ihre Kinder vom Religionsunterricht abmelden." Damit hat er recht, ich finde es jedoch erwähnenswert, dass dieses System von den Nationalsozialisten in Hamburg eingeführt wurde. Vorher galt nämlich die Regelung, dass man sich für den Religionsunterricht anzumelden habe, wenn man daran teilnehmen wollte. Diese Abmelderegelung führt heute nämlich dazu, dass es deutlich mehr Teilnehmer gibt, denn es gibt genug Eltern, die gar nicht wissen, dass sie ihre Kinder abmelden können. Informiert über die Möglichkeit der Abmeldung werden die Eltern meistens auch nicht. Auch gibt es keinen Ersatzunterricht für die Kinder, die abgemeldet werden, sodass so die Entscheidung zur Teilnahme weiter beeinflusst wird.

Fassen wir zusammen: Um ihre lächerlichen Vorstellungen heute noch unters Volk bringen zu können, wenden sich die Kirchen an die Schwächsten: die Kinder. Denn die Kinder können sich kaum wehren. Die Kirchen nutzen das immer noch weit verbreitete Unwissen und fälschlich positive Bild von Religion zu ihren Zwecken. Aus dem Interview spricht die Arroganz der Amtskirche, die die wichtigste Hamburger Regionalzeitung nutzt, um ihre Halbwahrheiten und Propaganda zu verbreiten.