Es erscheint wie ein Kunstwerk, das um ein anderes Kunstwerk gehüllt wird. Eine Satire, die eine andere Satire transportiert und multipliziert: Der Film "Kruzifix" über einen Skandal um einen Mottowagen im Düsseldorfer Karneval, der weit über die Grenzen der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt hinausreichte. Ein Film, der auch nach knapp 30 Jahren bei seiner erneuten Aufführung am Dienstag im vollbesetzten Vortragssaal des Düsseldorfer Stadtmuseums die Besucher begeisterte. Der manch einen auch beklemmte, wie die Reaktionen auf den Film über den damals vor Wut schäumenden katholischen Teil der Stadtgesellschaft zeigten.
Die Vorgeschichte: So wie heutzutage nach einem Erlass der Landesregierung in allen bayerischen Amtsstuben Kreuze hängen sollen, sollte nach einer Anordnung des Freistaats in allen Volksschul-Klassenzimmern ein Kruzifix angebracht werden. Doch die Anweisung hatte 1995 vor dem Bundesverfassungsgericht keinen Bestand. Es gilt Neutralitätspflicht, so die Richter. Mithin: keine Kreuze in Klassenzimmern. Dieser Beschluss der höchsten Richter brachte die damals noch wesentlich kirchentreuere deutsche Bevölkerung auf die Palme. Der Untergang des Abendlandes wurde beschworen.
In diese Zeit der aufgeheizten Stimmung fiel ein Plan des Düsseldorfer Karnevalswagenbauers Jacques Tilly, das Thema satirisch aufzugreifen. Die Unerbittlichkeit, mit der politisch und gesellschaftlich auf das Karlsruher Urteil reagiert wurde, brachte ihn auf die Idee: Er wollte einen Mottowagen für den Rosenmontagszug bauen, auf dem drei gekreuzigte bayerische Narren zu sehen waren. Statt des Schriftzugs INRI stand dort HELAU. Das ließ die nach dem säkularen Urteil des Bundesverfassungsgerichts ohnehin kochende Wut der Katholiken erst recht überschäumen. Dazu muss man wissen: Anders als heutzutage wurden die Entwürfe der Mottowagen (so wie heute noch in Köln) auch in Düsseldorf vor dem Rosenmontag veröffentlicht und diskutiert. Die Zeitungen berichteten darüber, kirchliche Würdenträger und Aktivisten machten mobil, Leserbriefspalten wurden gefüllt.
Der Skandal schaffte es damals auf die Titelseite des Düsseldorfer Express, Foto: © Ricarda Hinz 
Und genau hier setzte die damals 25-jährige Kunststudentin Ricarda Hinz an. Damals wurden die Leserbriefe noch mit Telefonnummer der Schreiberinnen und Schreiber veröffentlicht. Sie vereinbarte Termine mit den empörten Bürgerinnen und Bürgern, besuchte diese in ihren Wohnungen oder Büros. Und überzeugte sie, die Leserbriefe vor der Kamera vorzulesen und auch weitere Statements abzugeben – über diese doch ach so verabscheuungswürdige Gotteslästerung. Keiner fragte nach, keiner ahnte, dass Ricarda Hinz die Partnerin (und heutige Ehefrau) von Jaques Tilly ist. Vielmehr waren die Interviewten begeistert, ihre Botschaften nun auch in die Kamera zu sprechen. Hinz ließ sie und auch die von ihr interviewten kirchlichen Funktionäre einfach reden, wertete nicht selbst. Und zeigte, wie genau jene Menschen, die sich doch angeblich so für christliche Nächstenliebe einsetzen, ihre eigene Böswilligkeit und Humorlosigkeit bis hin zum kaum noch verbrämten Hass offenlegten.
Gleichzeitig filmte Hinz das Geschehen in der Karnevals-Wagenbauhalle von Jacques Tilly. Sie war, noch bevor die Dimension des Skandals im Laufe der nächsten Tage klar wurde, von Anfang an dabei, als Tilly seinen Entwurf in die Tat umsetzte. Handwerkliche Szenen aus der Werkstatt wechseln sich in dem witzigen und zugleich beklemmenden Film von Ricarda Hinz mit den Interviews der katholischen Wutbürger ab. Vertreter der lokalen Medien kommen zu Wort, die ihr Fähnchen in der damals aufgeheizten Stimmung in den Wind hängten und sich auf die Seite der Empörten schlugen. Hinz dokumentierte auf diese Weise gewissermaßen live und im heraufziehenden Sturm die Geschichte, in der der Tilly-Plan zu einer katholischen Empörungs- und Widerstandswelle führte: Gotteslästerung, unverzeihliche Blasphemie – so lauteten die auch übers Fernsehen transportierten Vorwürfe. Am Ende stand dann das Verbot: Der Wagen durfte nicht rollen am Rosenmontag.
Jacques Tilly bei der Arbeit an einer der Wagen-Figuren, Foto: © Ricarda Hinz 
Doch halt. Es war noch nicht das Ende. Die unglaubliche Pointe kommt erst noch, aber dazu später. Zunächst einige der Reaktionen der Leserbriefschreiberinnen und -schreiber, die sich in ihrem heimischen, meist spießbürgerlich wirkenden Ambiente um Kopf und Kragen reden. Provoziert durch den Tilly-Entwurf "Narr am Kruzifix" entstellen sie ihren eigenen Fundamentalismus bis zur Kenntlichkeit. "So darf man nicht mit unserem Herrn umgehen", schimpft die eine. "Wie kann man sich an so etwas Heiliges 'ranwagen", echauffiert sich der andere. Ein Kirchenmann ist sich seiner Sache besonders sicher. Er sagt: "Kein Mensch ist von Kritik ausgenommen. Aber Jesus Christus und die Symbole, die Gott repräsentieren, die sind aus der Kritik herausgenommen, weil Gott und Jesus Christus nicht Gegenstand der Kritik sein können. Sie sind nicht kritisierbar, weil sie nicht kritisch sind", so seine Logik. Ein bizarrer Höhepunkt ist in seiner unfreiwilligen Komik auch dieses Statement: "An das Kreuz gehört der Leib unseres Herrn Jesus Christus und nichts anderes."
Tilly wird aufs Übelste beschimpft und beleidigt. Aggressive Nazivergleiche werden gezogen. "Wer lästert, gehört bestraft, und zwar kräftig", wird gefordert. Aus der Stadtgesellschaft, aus den Medien, erhält er keine Rückendeckung. Nur der Künstler Markus Lüpertz habe sich für die Kunstfreiheit eingesetzt, erinnert sich Tilly. Vor allem aber stellt sich Rosenmontagszugleiter Hermann Schmitz hinter den Wagenbauer. Für ihn muss auch im Karneval Kritik an der Kirche erlaubt sein. Schmitz bringt es so auf den Punkt: "Die Kirche ist genauso ein Verein wie jeder andere, die haben nur andere Trachten an."
Eine TV-Reporterin kommt, dreht einen Film für "Extra Drei". Einen der besten, den sie je gemacht hat, sagt sie. Doch ihr öffentlich-rechtlicher Sender will ihn nicht zeigen in dieser Zeit, in der Kritik an der Kirche noch ein großes Tabu ist. Ihr Film kommt in den Giftschrank des Senders.
Lösung: Die Christo-Methode
Die katholische Kirche und ihre Mitstreiter machen so viel Druck auf die Sponsoren des Rosenmontagszugs, dass die Verantwortlichen des Düsseldorfer Karnevals schließlich einknicken. Der Wagen wird "ersatzlos gestrichen", so die Anordnung. Doch Tilly und Zugleiter Hermann Schmitz bleiben standhaft. Tilly sagt über Schmitz: "Der hatte einfach Charakter, er hat nicht gewackelt, obwohl er den ganzen Ärger abgekriegt hat." Die beiden hecken eine grandiose Pointe aus: Im Stil des Künstlerpaars Christo und Jeanne Claude und deren Reichstagsverhüllung bedeckt Tilly die Kruzifixe mit Tuch und platziert sie auf einem Karnevalswagen. Unter dem Tuch zeichnen sich deutlich die Narren-Kruzifixe ab, die jeder Düsseldorfer nach der tagelangen Diskussion kennt. Und dann steht da noch dieses Schild auf dem Wagen: "Ersatzlos gestrichen." Zugleiter Schmitz gibt grünes Licht, der Wagen rollt los. Ricarda Hinz sammelt am Rande des Rosenmontagszugs noch ein paar begeisterte Stimmen für ihren Film ein. Tenor: "Genau richtig, so muss das sein".

Filmemacherin, Wagenbauer und Zugleiter haben Zivilcourage und Mut in einer Zeit bewiesen, die erst knapp 30 Jahre zurückliegt und doch eine ganz andere war – eine aus säkularer Sicht muffige Zeit. In der sich an die Filmvorführung anschließenden Diskussion mit dem Publikum betonte Tilly, wie wichtig der Kampf um Grundrechte und Meinungsfreiheit für ihn ist. Mahnend fragte er: "Was wäre, wenn diejenigen, die Satire und Humor unterdrücken, uneingeschränkt Macht hätten? Was wir dann ertragen müssten, wenn diese Leute freie Bahn hätten – dann gute Nacht." Und Hinz blickte sorgenvoll hinüber in die USA, wo Menschen an der Macht seien oder von diesen gesteuert werden (Peter Thiel), die an die Apokalypse glaubten. "Und die haben die Hände an den Massenvernichtungswaffen, die Situation ist noch bedrückender als unsere damals", meinte die Filmemacherin.
Der Film von Ricarda Hinz, die – ebenso wie Jacques Tilly – Beirätin der Giordano-Bruno-Stiftung ist, ist zu sehen auf dem YouTube-Kanal des Düsseldorfer Aufklärungsdienstes:






