"Spöttertreffen" der Zeichnerinnen und Zeichner des Humanistischen Pressedienstes

Der Spaß und der Ernst der Karikaturisten

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Die anwesenden Spötterinnen und Spötter mit Blick auf den Mittelrhein. Hintere Reihe von links: Dorthe Landschulz, Jacques Tilly, Til Mette, Klaus Stuttmann. Vordere Reihe von links: Burghard Fritsche, Nadia Menze (Pseudonym, daher auch die Verfremdung), Ruth Hebler, Bettina Schipping, Michael Holtschulte, Oliver Ottitsch.
Die anwesenden Spötterinnen und Spötter mit Blick auf den Mittelrhein

Der Einstieg manch einer Leserin oder eines Lesers in die Lektüre des Humanistischen Pressedienstes erfolgt über die Karikatur rechts oben auf der Startseite. Immer eine Zeichnung, in der Teilaspekte des realen Wahnsinns unserer Zeit mit ein paar Strichen auf den Punkt gebracht werden. Jetzt hat der hpd seinen Karikaturisten einfach mal Danke gesagt. Und zum von Ricarda Hinz und Judith Liesenfeld organisierten "Spöttertreffen" an den Sitz der Giordano-Bruno-Stiftung nach Oberwesel eingeladen.

Wer zehn Karikaturisten zusammentrommelt, muss damit rechnen, dass es lustig wird. Denn lustig und vor allem kreativ sind die Zeichnerinnen und Zeichner natürlich auch im Gespräch. Ein Beispiel: In kleiner Runde wird über bizarre Reliquien-Verehrung gespottet. Das Gespräch kommt auf die Sandalen Christi in Prüm in der Eifel. Ein Thema, das sich wunderbar auch für eine Zeichnung eignen würde. Im sofort einsetzenden Brainstorming wird überlegt, dass ein Sportartikelhersteller den Schlappen doch gut mit drei Streifen nachbauen könnte. Und mit einer "Jesus-Edition" so richtig Kasse machen würde. Na, mal sehen, ob der Gedanke bald irgendwo auftaucht. In einer Zeichnung oder gar im richtigen Leben.

Aber die Spötter haben nicht immer nur gut Lachen. Auch das kam bei der Zusammenkunft am Mittelrhein zur Sprache. Da ging es um ihre Probleme, dass ihre Beiträge schon mal aus Sozialen Netzwerken gelöscht werden – zum Beispiel wenn sie etwas zeichnen, was gar zu sehr nach nackter Haut aussieht. Ein Cartoonist berichtet davon, dass nach einer Zeichnung, die gegen kaum nachvollziehbare Regeln von Facebook und Co. verstoße, die eigene Reichweite drastisch eingeschränkt werde. Da werden die nächsten Werke statt von 20.000 nur noch von 5.000 Menschen gesehen.

Dabei brauchen die Zeichnerinnen und Zeichner die Sozialen Netzwerke dringend, um auf sich aufmerksam zu machen. Um dann wiederum vor allem in Printprodukten Geld mit ihrer kreativen Arbeit zu verdienen. Beim "Spöttertreffen" wurde denn auch überlegt, ob sich die eigene Reichweite unabhängig von Sozialen Netzwerken steigern lässt, indem man gemeinsam einen Newsletter herausgibt. Mit einem solchen Netzwerk ließen sich auch rechtliche Gegenstrategien entwickeln, wie man dem immer wieder erlebten Produktklau begegnet: eine Zeichnung wird verfälscht, vom "Dieb" mit einer eigenen Signatur versehen und dann veröffentlicht.

Karikaturisten leben gefährlich

Über Karikaturen lässt sich schmunzeln und lachen. Aber nicht jeder kann das. Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs), sprach beim "Spöttertreffen" über Risiken, denen sich Karikaturisten auch ausgesetzt sehen. Tief verwurzelt ist nicht nur im Gedächtnis der Zeichnerinnen und Zeichner der 7. Januar 2015, als Islamisten die Redaktionsräume der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris stürmten und elf Menschen ermordeten. Schmidt-Salomon schlug den Bogen zu einer absurden Regelung des deutschen Rechts, dem sogenannten Gotteslästerungsparagrafen 166 Strafgesetzbuch (StGB) und sagte: "Die überlebenden Mitglieder der Redaktion hätten, würde deutsches Recht in Frankreich gelten, verurteilt werden können, ja müssen."

gbs-Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon
gbs-Vorstand Michael Schmidt-Salomon sprach über die Kampagne zur Abschaffung des Gotteslästerungsparagrafen. (Foto: © Peter Kurz)

Denn nach Paragraf 166 StGB werde bestraft, "wer den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören". Nicht diejenigen, die zur Gewalt greifen, gelten dann als die Verantwortlichen, sondern diejenigen, von denen sie sich provoziert fühlten. Es gehe hier um eine inakzeptable Umkehrung des Täter-Opfer-Prinzips, sagte Schmidt-Salomon, "weil nicht die Künstlerinnen und Künstler den öffentlichen Frieden gefährden, sondern diejenigen, die nicht in der Lage sind, Humor angemessen zu verarbeiten." Schmidt-Salomon hat die Historie und Auswirkung des Paragrafen 166 StGB ausführlich in dem Buch "Free Charlie!" dargestellt. Ein empfehlenswerter Band, in dem sich auch zahlreiche wunderbare Karikaturen unter anderem der in Oberwesel versammelten Spötter finden.

Unterhaltsamer Gastauftritt des Postillon

Für Schmunzeln auch unter den Cartoon-Profis sorgte der Vortrag des per Videostream zugeschalteten Daniel Al-Kabbani. Der Mitarbeiter des Satiremagazins Der Postillon schilderte, wie die über ganz Deutschland verteilte Redaktion arbeitet. Über einen Instant Messaging-Dienst läuft das morgendliche Brainstorming. Und dann kommen da die typischen Postillon-Geschichten heraus, in denen – ein Beispiel aus Coronazeiten – auch schon mal Rezeptvorschläge gemacht werden: wie sich Nudeln, Toilettenpapier und Desinfektionsmittel zu einer geschmackvollen Speise zubereiten lassen. Oder es wird eine Studie zitiert, wonach die Erderwärmung Männer schon bald dazu zwingen werde, den Hodensack außerhalb der Hose zu tragen.

Daniel Al-Kabbani vom "Postillon" war per Video zugeschaltet
Postillon-Mitarbeiter Daniel Al-Kabbani wurde für seinen Vortrag zugeschaltet. (Foto: © Peter Kurz)

Doch auch Der Postillon verspürt zunehmende Verbiestertheit in der Gesellschaft. Al-Kabbani: "Man spürt schon, dass die politischen Lager mehr auseinander driften, man wird als staatstreue Systemhure beschimpft, wenn man Politiker verteidigt." Das sei für Satiriker bislang eher ungewohnt, weil diese ja eher die politische Kaste angreifen.

Assunta Tammelleo stellte den "Frechen Mario" vor
Assunta Tammelleo stellte den auch für Karikaturisten attraktiven, mit 3.000 Euro dotierten Kunstpreis "Der freche Mario" (Bund für Geistesfreiheit München) vor. (Foto: © Peter Kurz)

Bei dem Profitreffen musste freilich nicht darüber gesprochen werden, wie die Karikaturisten zu ihren Ideen kommen. Für Betrachter der Werke gibt es zu diesem Thema freilich ein sehr lehrreiches und unterhaltsames Buch von Nadia Menze, die auch beim "Spöttertreffen" in Oberwesel dabei war. In "Zur Anatomie der Karikatur" erklärt sie anhand von zahlreichen Karikatur-Beispielen die verschiedenen Techniken, mit denen eine Cartoonistin das Weltgeschehen aufs Korn nimmt. Etwa durch Wortspiele, durch Übertreibungen, durch Umkehrungen oder durch das Herstellen neuer Zusammenhänge. Techniken, die bei jedem kreativen Prozess eine Rolle spielen, die aber gute Cartoonisten besonders eindrucksvoll umzusetzen wissen. Ein Beispiel: Eine Zeichnung zeigt einen Priester, der mit grimmigem Blick auf der Kanzel steht und fordert: "Abtreibungen verbieten, Homosexualität abschaffen, Frauenrechte einschränken!" Darunter der trockene Kommentar: "Seit Jahrtausenden betrieben: Kanzel-Culture." Oder diese Menze-Zeichnung: Sie zeigt zwei Zeugen Jehovas, die an einer Tür klingeln und sagen: "Wir würden gern mit Ihnen über Gott reden." Die Bewohnerin kontert an der Haustür brillant: "Was hat er jetzt wieder angestellt?" Gezeichnet hat das freilich einen noch durchschlagenderen Wumms.

In einem Vorwort des Buches schreibt Herausgeberin Eva Creutz: "Das Recht der Menschen, öffentlich lauthals mächtige Institutionen, mächtige Ideologien und deren Vertreter verlachen zu können, ist ein elementarer Bestandteil der offenen und pluralen Gesellschaft, in der wir leben wollen." Das können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des "Spöttertreffens" wohl alle unterschreiben. Ebenso diejenigen, die sie mit ihrer Kunst immer wieder verblüffen, zum Schmunzeln und zum Nachdenken bringen. Nun denn, auf ein Neues: Klicken Sie gern auf die Startseite des hpd. Rechts oben.

Übrigens: Bisher wurden knapp 700 Karikaturen in dem von Ricarda Hinz redaktionell betreuten hpd-Satirefenster "Spott sei Dank!" veröffentlicht. Viele davon gibt es auch im Printformat. Die sechs bisher erschienenen "Spott-sei-Dank!"-Bände können weiterhin bestellt werden.

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