Amartya Sens Plädoyer für Gleichheit über Grundforderungen

Der Entwicklungstheoretiker, Ethiker und Wirtschaftswissenschaftler Amarty Sen hielt 1979 eine wirkungsreiche Vorlesung, worin er drei kursierende Gleichheitsvorstellungen kritisierte und seine Fixierung auf Grundforderungen als Alternative präsentierte. Der Reclam-Verlag hat jetzt diesen Text als eigenständiges kleines Büchlein veröffentlicht.

Über die Frage, was Gleichheit ist und wie man sie begründen kann, wird seit Jahrhunderten philosophiert. An einschlägigen Debatten beteiligten sich Denker mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und genau diese machen die wohl nie endende Kontroverse auch immer wieder spannend. Einer dieser Akteure war und ist Amartya Sen, ein Entwicklungstheoretiker und Wohlfahrtsökonom. Sein indischer Hintergrund und seine westliche Lehrerfahrung gehen einher mit einer ethischen Denkperspektive und wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisorientierung. Auch für die praktische Armutsforschung kamen von Sen viele wichtige Vorstöße. Ähnlich verhält es sich mit seinen Studien zur Sozialwahl und Wohlfahrtsmessung, denn 1998 gab es dafür den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften. In der Debatte über Gleichheit stehen die Grundfähigkeiten eines Menschen für Sen im Zentrum. Dies ergab sich aus einer berühmten Vorlesung, die er am 22. Mai 1979 an der Stanford University im Rahmen der dortigen "Tanner Lectures on Human Values" hielt.

Cover

Als "Gleichheit? Welche Gleichheit?" hat sie der Reclam-Verlag jetzt als eigenständige Schrift in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Darin beschäftigt sich der Autor mit Gleichheitskonzeptionen, die damals wie heute kursieren, kritisiert diese Deutungen scharf, um dann einen eigenen Ansatz zu präsentieren. Bereits zu Beginn macht Sen deutlich, dass man nicht aus deren akzeptablen Bestandteilen eine angemessene Theorie aufbauen könne. Es geht ihm in den folgenden Ausführungen zunächst um das utilitaristische Gleichheitsverständnis, das mit der Fixierung auf den Gesamtnutzen die Konsequenzen für Personen ignoriere. Dem folgen Erörterungen von Sen zum Welfarismus, sei dieser doch extrem auf einen Nutzen mit einer einseitigen Orientierung an der Pareto-Optimalität ausgerichtet. Und schließlich widmet er sich dem Ansatz von John Rawls, denn dieser sei nicht auf Grundbedürfnisse, sondern auf Grundgüter konzentriert und berücksichtige nur eingeschränkt die unterschiedlichen Lebenssituationen von Menschen.

Diesen drei kritisierten Ansätzen stellt der Autor seinen Fähigkeitsansatz bzw. seine Fixierung auf Grundfähigkeiten gegenüber, also "die Fähigkeit einer Person, bestimmte grundlegende Dinge zu tun" (S. 39). Dabei wird dann schnell deutlich, dass die Ablehnung der vorher kritisierten Ansätze keineswegs gleichrangig und grundlegend war. Denn so sehr Rawls auch von Sen später immer wieder kritisiert wird, zeigt sich seine Nähe zu dessen Vertragsdenken auch hier. "Die Konzentration auf Grundfähigkeit kann", so schrieb er ausdrücklich, "als eine natürliche Erweiterung von Rawls Interesse an Grundgütern verstanden werden, wobei die Aufmerksamkeit von den Gütern hin zu eben jenem gelenkt wird, was die Güter bei Menschen bewirken" (S. 40 f.). Demnach sollten Bedürfnisse in Form von Grundfähigkeiten interpretiert werden. Wenn es um die Gewichtung der Fähigkeiten gehe, so Sen, müssten diese aber kulturabhängig erfolgen, worin er eine weitere Differenz zu Rawls sieht. Grundgüter dienten erst so gesellschaftlicher und individueller Wohlfahrt.

Die deutsche Ausgabe von "Gleichheit? Welche Gleichheit?" wurde von Ute Kruse-Ebeling aus dem Englischen übersetzt und mit einem erläuternden Nachwort versehen. Darin gibt sie einige Grundinformationen sowohl zu Sen, seinem Ansatz, als auch zu den kritisierten Positionen. Man darf den Lesern raten, das Nachwort als Vorwort zu nehmen. So versteht man die Ausführungen von Sen einfach besser. Es muss aber auch noch an diesem Klassiker etwas Kritik formuliert werden: So überzeugend seine Einwände gegen die drei anderslautenden Konzepte sind, wobei er dann ja doch mehr von Rawls übernimmt als er sich zunächst eingestand, so schwammig bleibt doch seine Gleichheit der Grundfähigkeiten. Die Ausführungen dazu in dem kleinen Buch umfassen nur viereinhalb Seiten. Dazu hätte man sich auch von der Herausgeberin nähere Informationen gewünscht. Berechtigt weist sie aber auch darauf hin, dass es doch an klaren Definitionen bezüglich der Fähigkeiten und Funktionsweisen, aber auch hinsichtlich deren Gewichtung bei Sen mangelt.

Amartya Sen, Gleichheit? Welche Gleichheit?, Ditzingen 2019 (Reclam-Verlag), 72 S., 6 Euro