Der Bayerische Rundfunk überrascht immer wieder mit bemerkenswert unkritischen Beiträgen zu Religion und Kirche. Erst kürzlich wurde die katholische Jugendarbeit gar als vorbildliche Vorbereitung auf eine politische Karriere gewürdigt.
Unter dem Titel "Demokratie-Werkstatt: Von der Jugendarbeit in die Politik" sendete B2 einen Radiobeitrag, der das Engagement der katholischen Landjugend ausführlich lobte und ihren vermeintlich wichtigen Beitrag zur Demokratie hervorhob. Mit Verweis auf die SPD-Politikerin Marianne Schieder und den CSU-Politiker Theo Waigel wurde die Landjugend dabei beinahe zur politischen Kaderschmiede verklärt.
Der ehemalige Bundesfinanzminister und Parteivorsitzende Waigel berichtete, wie er in der Landjugend in den 1950er Jahren Bestehendes hinterfragt, neue Gottesdienstformen entwickelt sowie theologische und politische Vorträge organisiert habe. Solche biografischen Rückblicke mögen persönlich prägend gewesen sein – sie belegen jedoch keineswegs, dass kirchliche Jugendstrukturen per se demokratische Lernorte sind.
Demokratie ohne Demokratie?
Gerade hier zeigt sich der blinde Fleck vieler wohlwollender Darstellungen: Die katholische Kirche selbst ist keine Demokratie, sondern eine hierarchisch verfasste Organisation mit klaren Befehlsketten, männlichem Weihepriestertum und letztgültiger Entscheidungsgewalt in Rom. Zentrale Fragen – von der Rolle der Frauen über die Sexualmoral bis hin zu innerkirchlicher Mitbestimmung – sind demokratischer Aushandlung weitgehend entzogen. Wer innerhalb solcher Strukturen sozialisiert wird, lernt vor allem Loyalität gegenüber Autorität, nicht zwingend demokratische Mitbestimmung.
Wenn kirchliche Jugendarbeit dennoch als "Demokratie-Werkstatt" bezeichnet wird, wirkt das daher weniger wie eine nüchterne Analyse als vielmehr wie ein rhetorisches Framing. Offene Diskussionsrunden, Gruppenleitungen oder Projektorganisation können zweifellos Kompetenzen vermitteln. Doch sie finden innerhalb eines normativen Rahmens statt, der letztlich nicht zur Disposition steht. Demokratische Praxis endet dort, wo kirchliche Lehre beginnt.
Nachwuchsarbeit oder Lobbystruktur?
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der medialen Darstellung kaum vorkommt: Kirchliche Jugendverbände sind nicht nur Orte persönlicher Entwicklung, sondern auch Instrumente institutioneller Selbstvergewisserung. Sie sichern langfristig gesellschaftliche Verankerung, politische Anschlussfähigkeit und damit Einfluss. In diesem Sinne muss Jugendarbeit durchaus als eine Form kirchlicher Lobbyarbeit verstanden werden – als Schulung von Engagement, das religiös gebunden bleibt und später in Politik, Verbänden oder Verwaltung Wirkung entfalten soll.
Der missionarische Impetus ist dabei keineswegs nebensächlich. Wenn etwa Wallfahrten wie bei der Kolping Jugend unter spirituellen Leitmotiven stehen, geht es erkennbar nicht primär um demokratische Mitbestimmung, sondern um religiöse Gemeinschaftsbildung und Glaubensweitergabe. Beides ist legitim, aber sollte nicht mit demokratischer Bildung verwechselt werden.
Kritische Distanz statt kirchlicher Folklore
Medien erfüllen eine zentrale Aufgabe in der Demokratie: Sie sollen einordnen, hinterfragen und Machtstrukturen sichtbar machen. Gerade deshalb ist es problematisch, wenn kirchliche Organisationen nahezu reflexhaft positiv dargestellt werden, ohne ihre inneren Widersprüche zu beleuchten.
Eine aufgeklärte Berichterstattung müsste statt kirchlicher Folklore genau diese Widersprüche sichtbar machen: zwischen Engagement und Hierarchie, zwischen Partizipation im Kleinen und fehlender Demokratie im Großen, zwischen persönlicher Förderung und institutioneller Interessenpolitik.






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