Filmkritik

Die Menschwerdung des James Bond

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Eigentlich hatte sich James Bond (Daniel Craig) mit seiner Lebenspartnerin Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux) aus dem Agentenleben zurückgezogen.
James Bond (Daniel Craig) mit seiner Lebenspartnerin Dr. Madeleine Swann (Léa Seydoux)

Derzeit läuft der aktuelle 007-Film "Keine Zeit zu sterben" in den Kinos, nachdem der Start wegen der Pandemie mehrfach verschoben werden musste. Er fällt äußert positiv auf durch Emotion und Emanzipation: Er hat viel Tiefgang und trägt der #MeToo-Dabatte Rechnung.

Vorab eine Spoiler-Warnung: In diesem Text werden wesentliche Handlungsinhalte verraten. Wer den Film noch nicht gesehen hat, dies aber noch tun will, sollte den Text lieber erst im Nachhinein lesen.

Die Figur des wohl bekanntesten Geheimagenten der Filmgeschichte ist im 21. Jahrhundert angekommen. Der neue James Bond, geprägt vom gefeierten Darsteller Daniel Craig, bricht mit alten Tabus und errichtet dafür neue, die in der Vergangenheit nicht als solche wahrgenommen wurden. Erstmals1 kommt (sieht man von der angedeuteten homoerotischen Szene in "Skyfall" ab) Homosexualität vor – mit einem schwulen Quartiermeister "Q", der einen Mann zum romantischen Dinner erwartet. Auf der anderen Seite ist Schluss mit der Übergriffigkeit und dem Sexismus Bonds, die ansonsten zum Standardinventar ebenso gehörten wie der Wodka-Martini oder der ikonische Satz: "Mein Name ist Bond, James Bond".

Vorbei sind die Zeiten, in denen eine Frau einfach gegen die Wand gedrängt wurde, um ihr mittels Sex als Befragungsmethode Informationen zu entlocken (zu sehen noch 2015 in "Spectre") oder der Agent ungefragt zu ihr unter die Dusche stieg ("Skyfall", 2012). Ganz zu schweigen von der Szene aus "Feuerball" aus dem Jahr 1965, in dessen Titelsong es heißt "Any woman he wants he'll get" ("Jede Frau, die er will, wird er bekommen"): Hier wird die Frau nicht nur nicht gefragt, sondern erst gegen offenkundigen Widerstand geküsst und dann als "Preis für ihr Schweigen" zum Sex genötigt. Cary Fukunaga, Regisseur der neusten Bond-Episode, geht sogar so weit, den von Sean Connery verkörperten MI6-Agenten (für viele noch immer DER Bond) "im Grunde genommen einen Vergewaltiger" zu nennen.

James Bond und 007-Agentin Nomi
007-Agentin Nomi (Lashana Lynch) mit dem wieder eingesetzten James Bond (Daniel Craig).
Foto: Nicola Dove © 2021 DANJAQ, LLC and MGM. All rights reserved.

Stattdessen hat Bond diesmal gleich zwei selbstbewusste Agentinnen an seiner Seite, eine davon hatte vor seiner Rückkehr zum Geheimdienst gar seinen Platz als Nummer 007 eingenommen. Frauen sind nicht mehr wahlweise austauschbare Accessoires oder verängstigte, wehrlose Opfer, die man mitunter herablassend behandeln darf, sondern Akteurinnen. Sie treten bestimmt auf und dürfen jetzt selbst cool und unerschrocken sein. Das "Von oben herab" ist weg, die früher allgegenwärtige männliche Überlegenheit. Der Begriff "Bond-Girl" wurde durch "Bond-Frau" ersetzt. Es gibt zwar amüsante zweideutige Situationen, es sind aber die Frauen, die (scheinbare) Avancen machen, um die Sache dann aber gleich wieder klarzustellen. Dabei tritt die Hauptfigur wesentlich zurückhaltender auf: als er sich einen Smoking anzieht, bittet James Bond sogar darum, dass die anwesende CIA-Agentin sich umdreht.

Paloma (Ana de Armas)

Ein Highlight des Films: CIA-Agentin Paloma (Ana de Armas)
Foto: Nicola Dove © 2021 DANJAQ, LLC and MGM. All rights reserved.

So kommt es, dass der zum letzten Mal von Daniel Craig verkörperte James Bond, der bisher nichts anbrennen ließ, diesmal tatsächlich nur mit seiner Lebenspartnerin Madeleine schläft, mit der er noch dazu ein Kind (!) hat. Man bekommt also erstmals in einem Film ein Bond-Kind zu Gesicht (die "Dunkelziffer" dürfte hier angesichts permanenter Eskapaden hoch sein), bei dem er sich in der Rolle des Vaters erproben darf und gegen Ende – höchst verwundert über sich selbst – von "seiner Familie" spricht. In der 15 Jahre und fünf Filme umfassenden Craig-Ära hat sich die einstige unberühr- und unverwundbare Killermaschine weiterentwickelt, hin zu einem Menschen – der sich verliebt, der Verluste erlebt, unter denen er leidet, der scheitern kann; in dessen Überlegungen und Handlungen nicht mehr nur strategische Erwägungen zum Wohle der Mission, sondern auch Emotionen einfließen. Bis hin zur finalen suizidalen Entscheidung im aktuellen Film, unter dem die Menschheit vor einer DNA-programmierbaren Biowaffe rettenden Raketenhagel keinen erkennbaren Fluchtversuch zu unternehmen, da er aufgrund des Kontakts mit derselben Frau und Kind nie wieder berühren darf. So verabschiedet sich James Bond – der jetzt auch fast weinen darf – mit einer Liebeserklärung und dem wiedergefundenen Kuscheltier seiner Tochter in den Hosenträger geklemmt und … stirbt augenscheinlich.

Wie die Geschichte unter diesen Voraussetzungen weitererzählt wird, bleibt abzuwarten. Denn dass der britische Geheimagent zurückkehren soll, wird bereits im Abspann klargestellt. Für die Macho-Figur 007, der ein Geschlechterverständnis aus den 50er Jahren zugrunde liegt, war es jedenfalls definitiv Zeit zu sterben, auch wenn ihr der ein oder andere Vertreter des männlichen Geschlechts, der sich von der Emanzipation ungerecht behandelt fühlt, sicher nachtrauern wird. Die Bedeutung, ein solch populäres Beispiel chauvinistischer Kultur nicht weiter zu reproduzieren, ist nicht zu unterschätzen.


1Korrektur (29.10.2021, 21:30 Uhr): Bereits in früheren Filmen kamen vereinzelt queere Figuren vor, allerdings entweder auf der Seite der Bösewichte oder als "falsch" konnotiert (Analyse auf queer.de). Neu ist, dass Homosexualität als etwas Normales dargestellt wird.

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