Die fowid-Analyse zu den Kirchenmitgliederzahlen

Der Schrumpfungsprozess geht weiter

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Kirchen dienen häufig nur noch als Baudenkmal oder Museum. (Hier: Stadtkirche St. Marien in Pirna)
Leere Kirche

In Deutschland schrumpfen die römisch-katholische Kirche und die evangelische Kirche beständig weiter. Carsten Frerk, Projektleiter der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid), sieht dies als eines der Kernergebnisse der Zahlen, die die beiden großen Amtskirchen soeben veröffentlicht haben: "Es gibt keine Verringerung im Rückgang der Mitgliederzahlen. War es in den Jahren bis 2016 jährlich rund ein Prozent Verringerung, sind es seit 2022, also in den letzten vier Jahren, rund drei Prozent pro Jahr", sagte er im Gespräch mit dem hpd.

Entsprechend der vorläufigen "Kirchenstatistik 2025" der Deutschen Bischofskonferenz gab es Ende 2025 rund 19,22 Millionen katholische Kirchenmitglieder. Das sind 23,0 Prozent der Bevölkerung in Deutschland. Und die von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) veröffentlichten Mitgliederzahlen für das Jahr 2025 belaufen sich auf rund 17,4 Millionen Mitglieder. Das sind 20,8 Prozent der Bevölkerung. Zusammengerechnet sind das 36,62 Millionen Kirchenmitglieder. Mithin sind in Deutschland in Summe nur noch 43,8 Prozent der Bevölkerung Mitglied in einer der beiden großen Amtskirchen. In absoluten Zahlen ist das eine Verringerung der Kirchenmitglieder um 1,13 Millionen Personen – 550.000 römische Katholiken sowie 580.000 EKD-Evangelische. (Andere katholische Teilkirchen oder auch evangelische Freikirchen sind hier nicht erfasst.)

Natürlich spielen Kirchenaustritte eine große Rolle bei der Entwicklung der Mitgliederzahlen. Doch ein großer Faktor beim Mitgliederschwund ist auch das sogenannte Taufdefizit beziehungsweise der Sterbeüberschuss. Das heißt, es sterben mehr Kirchenmitglieder als neue getauft werden. Dieser Sterbeüberschuss betrifft laut Frerk die evangelische Kirche stärker, weil deren Mitglieder im Vergleich zu denen der katholischen Kirche älter seien.

Die Zahl der Kirchenaustritte (657.000) verbleibt in der gleichen Größenordnung wie 2024 (667.000). Aus der katholischen Kirche sind mit 307.117 Austritten wiederum weniger ausgetreten als aus den EKD-Landeskirchen, wo es 350.000 Menschen waren, die ihrer Kirche den Rücken gekehrt haben. Dass die Mitglieder der evangelischen Kirchen hier die Nase vorn haben, dafür hat Frerk diese Erklärung: "Hier hat jeder eine eigene Beziehung zu Gott, zu dem er oder sie weiter in Beziehung bleiben kann – auch nach einem Kirchenaustritt. Bei den Katholiken wird das als ein viel komplizierterer Schritt angesehen – wegen  der Konsequenzen, von den Sakramenten ausgeschlossen zu werden. Die Katholiken machen sich da mehr Gedanken."

Grafik: © fowid

Wie sich die Kirchenmitgliedschaften regional nach Bundesländern darstellen – auch das hat fowid (aktuellste Werte für das Jahr 2024) untersucht. "Die Kirchenmitgliederzahlen in den klassisch katholischen Bundesländern gehen verhältnismäßig langsamer zurück, insbesondere im Saarland, Rheinland-Pfalz und in Bayern", sagt Frerk. In diesen Ländern und in Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen liege der Anteil der Kirchenmitglieder noch bei über 50 Prozent der Bevölkerung, werde aber schon Ende 2026 unter dieser Marke liegen. In den anderen Bundesländern liegen die Mitgliederzahlen schon jetzt teils deutlich unter 50 Prozent, wobei Sachsen-Anhalt mit 13 Prozent das Schlusslicht ist.

Carsten Frerk betont aber noch einen anderen Aspekt, der viel über die Haltung der noch verbliebenen Kirchenmitglieder aussagt, nämlich die tatsächliche geübte Glaubenspraxis der (Noch-)Mitglieder: Ein Indikator dafür ist, dass man "regelmäßig", das heißt zumindest einmal im Monat, an einem Gottesdienst teilnimmt. Nach den Angaben der Deutschen Bischofskonferenz in den "Eckdaten des kirchlichen Lebens 2024" nahmen 2024 insgesamt 6,6 Prozent der Katholiken an den "Zählsonntagen" am Gottesdienst teil (mit einer Spannweite in den Bistümern von 4,5 bis 14,4 Prozent). In den evangelischen Landeskirchen belief sich der Anteil der Gottesdienstbesucher (2022) auf 2,3 Prozent. Unter den Muslimen wird der regelmäßige Moscheebesuch (unter anderem zum Freitagsgebet) nach Informationen der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung von rund 25 Prozent der Gläubigen praktiziert. Da bei den kleineren Religionsgemeinschaften der Gottesdienstbesuch eine größere Bedeutung hat als unter den amtskirchlichen Kirchenmitgliedern, darf eine höhere Glaubenspraxis (50 Prozent) angenommen werden.

Carsten Frerk und die Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland führen Daten zusammen und analysieren sie. Andere schließen Schlüsse daraus, verbunden mit Aufforderungen zu politischem Handeln. Der Zentralrat der Konfessionsfreien hat dies bereits getan.

Angesichts des in den Zahlen zum Ausdruck kommenden gesellschaftlichen Wandels müsse die Politik in Bund, Ländern und Kommunen das veraltete Geflecht staatlich-kirchlicher Privilegien endlich auflösen, indem sie den Kirchensteuereinzug durch den Staat und staatliche Kirchensubventionen beendet, das kirchliche Sonderarbeitsrecht abschafft, den Kirchenaustritt unbürokratisch ermöglicht und die Religionsmündigkeit stärkt.

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