Begriffe wie "Volk, Volksgemeinschaft und Führer" finden wieder Verwendung – nicht nur im nationalgesinnten Gedankengebräu rechtsextremer "Patrioten". Helmut Ortner über Nationalismus, die Erinnerungstilgung der AfD - und warum Bundespräsident Steinmeier als Demokratie-Mahner nicht taugt.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, ein Mann, der nicht zur schrillen, griffigen Formulierung neigt und gerne im Ungefähren bleibt, sieht Gefahr im Vollzug: "Nie in der Geschichte unseres Landes waren Demokratie und Freiheit so angegriffen und bedroht", sagte er in einer Rede zur Feierstunde "35 Jahre Friedliche Revolution" am 9. November in seiner Residenz Schloss Bellevue.
An einem Tag, der gerade wegen seiner Widersprüchlichkeit eine zentrale Rolle in der deutschen Geschichte spielt (Novemberrevolution, Hitlerputsch, Reichspogromnacht und Mauerfall), warnte er vor rechten Extremisten, mit denen es keine politische Zusammenarbeit geben dürfe, "nicht in der Regierung, nicht in den Parlamenten." Steinmeier sprach sich für die sogenannte Brandmauer aus: "Der waghalsige Versuch, Antidemokraten zu zähmen, indem man ihnen Macht gewährt, ist nicht nur in Weimar gescheitert." Diese historische Lehre lasse sich seiner Meinung nach auf die Gegenwart übertragen. "Wenn dadurch ein Teil des demokratisch gewählten Parlaments von der Gestaltung ausgeschlossen wird, so ist dieser Ausschluss doch selbst gewählt", warnte er in seiner Berliner Rede. Steinmeiers Schlusssatz: "Zeit zu verlieren haben wir nicht. Wir müssen handeln. Wir können handeln! Unsere Demokratie ist nicht dazu verurteilt, sich auszuliefern!"
Zur Feierstunde hatte der Bundespräsident auch den Schriftsteller Marko Martin geladen. Der hatte 2019 ein Buch mit dem Titel "Dissidentisches Denken" veröffentlicht, in dem er weltweit verstreut lebende Intellektuelle porträtierte, die mit ihrer Meinung angeeckt sind. Mit seiner Rede löste er allerlei Aufregung aus – vor allem bei Steinmeier. In nur 15 Minuten rechnete Martin mit der deutschen Selbstbezogenheit, der Geringschätzung Mittel- und Osteuropas und der Naivität im Umgang mit Wladimir Putin ab. Dabei sparte Martin auch den Hausherrn und früheren SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier nicht aus und rügte die SPD ob ihrer "fortgesetzten Verweigerung von Lernwilligkeit". Steinmeier, der Demokratie-Mahner, saß wie versteinert, rührte keine Hand zum Applaus – und beklagte sich hinterher sichtlich erregt beim Redner. "Er ist angerauscht gekommen, um mir qua seines Amtes die Leviten zu lesen", verriet Martin der Deutschen Presse-Agentur. Der Bundespräsident habe ihn gefragt, ob es "ihm Freude mache, Politiker zu diffamieren".
So viel zum Demokratie-Advokat Steinmeier. Sein Plädoyer für "Mut und Widerständigkeit" darf unter der Rubrik "anlassgerechte Politiker-Routine" archiviert werden. Nicht zuletzt deshalb zeigen Steinmeiers Warnrufe wenig Wirkung. Richtiger: überhaupt keine Wirkung.
Nicht aus Protest, sondern aus Überzeugung
Im Herbst, wenn in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahlen stattfinden, könnte erstmals die AfD regieren. Der 35-jährige Ulrich Sigmund, ein smarter Typ mit solider rechtsextremistischer Gesinnung, ist Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt. Er will der erste AfD-Ministerpräsident in Deutschland werden – und seine Chancen stehen gut. Bei der jüngsten Umfrage kam seine Partei in Sachsen-Anhalt auf 40 Prozent.
Der Erfolg der AfD ist auch das Ergebnis permanenter Unterlassungen. Ob beim Thema Migration und Integration, Bildung und Bürokratie, Rente und Pflege, Klima oder Verkehr – zu viele Versäumnisse und Vertröstungen, zu wenig politischer Wille und verlässliche Klarheit. Selten hat die Politik dem Volk so wenig Ehrlichkeit zugemutet wie in diesen Zeiten. Die AfD wird nicht mehr aus Protest, sondern aus Überzeugung gewählt. Ein deutlicher Beleg dafür, dass viele Menschen den regierenden Parteien die Lösung dieser Problemfelder nicht mehr zutrauen – sich abwenden, weil sie ihnen nicht mehr vertrauen, deutlicher – ihnen misstrauen.
Eine Studie, die Anfang Dezember 2025 in Sachsen-Anhalt von der dortigen Landeszentrale für politische Bildung veröffentlicht wurde, spricht von einem hohen Anteil sogenannter "fragiler Demokraten". Damit gemeint sind Menschen, die zwar die Idee der Demokratie befürworten, sich aber auch ein Ein-Parteien-System oder einen "starken Führer" vorstellen könnten, immerhin 54 Prozent der Befragten zählten zu dieser Gruppe. Eine geschlossen rechtsextreme Einstellung liegt der Studie zufolge bei 8,6 Prozent der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt vor.
NS-kontaminierte Begriffe finden wieder Verwendung
Begriffe wie "Volk, Volksgemeinschaft, Führer", allesamt NS-kontaminierte Begriffe, finden wieder Verwendung – nicht nur im nationalgesinnten Gedankengebräu rechtsextremer "Patrioten". Unübersehbar ist, dass eine "Veralltäglichung" von Symbolen und Begriffen der Nazi-Zeit toleriert wird. Es muss jedenfalls Gründe geben, sich wiederholt öffentlich mit NS-Parolen gemein zu machen und dann offenkundig der NS-Ideologie nahestehende Verwendung entweder glatt zu leugnen oder für gänzlich unbedeutend zu erklären. Dass dies keineswegs spontan und zufällig, sondern fortwährend rational und zielgerichtet geschieht, demonstrierte die AfD-Parteivorsitzende Alice Weidel in einem Welt-TV-Interview im Dezember 2025. Zum Kernsatz der Hitlerjugend "Alles für Deutschland", der auch von jungen Parteimitgliedern benutzt wurde, hatte sie allenfalls ein Schulterzucken übrig: "Na und?"… Der ehemalige deutsche Bundesverfassungsrichter Thomas Fischer konstatierte in seiner Spiegel-online-Kolumne treffend eine "Verschmelzung von 'Programm und Psychogramm'".
Nein, nicht alle, die die rechtsextreme AfD wählen, sind Nazis, aber sie müssen sich vorwerfen lassen, rechtsradikale und rechtsextremistische Politiker mit weitreichenden parlamentarischen Legitimationen und Eingriffsmöglichkeiten auszustatten, deren Ziel es ist, die Grundlagen unserer liberalen Demokratie radikal und strategisch zu bekämpfen – und abzuschaffen. Sie wollen ein anderes Land. Die Entsorgung der NS-Vergangenheit gehört dazu.
Vom Autor erscheint im Februar:
Gnadenlos deutsch, Täter, Helfer und Zuschauer – und die Entsorgung der NS-Zeit. Aktuelle Reportagen aus der Vergangenheit, Alibri Verlag, 320 Seiten, 24 Euro







20 Kommentare
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Kommentare
GeBa am Permanenter Link
Kaum sind 80 Jahre seit dem 2. Weltkrieg vergangen, wird wieder nationalistisch gedacht
Tim Mangold am Permanenter Link
Dem kann ich nur zustimmen.
Thomas Weissenberg am Permanenter Link
Der Autor beschwert sich über Bundespräsident Frank-Walter Steinmeiers Unklarheit der Aussagen - bleibt "gerne im Ungefähren" -, sagt aber selber - was?
Bernie am Permanenter Link
Bei aller Zu- sowie Übereinstimmung mit Herrn Ortners Artikel in einem Punkt irrt er - vielleicht aus Unkenntnis? Die NS-Kontaminierten Begriffe gibt es schon seit 1945.
Bernie
Peter Blohm am Permanenter Link
Moin,
nur ein Hinweis zur Richtigstellung:
Die Parole "Alles für Deutschland" war der Leitspruch der SA.
Die HJ benutzte "Blut und Ehre"
A
H. Lambert am Permanenter Link
Ich stimme dem Artikel weitgehend zu, halte allerdings die Bezüge zum Nationalsozialismus teils für voreilig:
1. Volk und Einsatz für die Gemeinschaft entspricht dem Amtseid nach GG.
3. Da ist es ja eine Blindheit, dass die Linken, in verschiedenen Parteien, sich als Verteidiger der Demokratie aufspielen und sogar sich anmaßen, zu bestimmen, wer mit wem koalieren darf (Brandmauer).
4. Die Verweigerung der Parteien seit fast 20 Jahren Hauptziele der Mehrheit oder großer Teile der Bevölkerung zu berücksichtigen und das Auftreten ungebildeter aber ideologisch verengter Parteienvertreter ist eine unverantwortliche Infragestellung der Demokratie.
Dipl. Phil. Hel... am Permanenter Link
Absolut, H. Lambert, danke für Ihren treffenden Kommentar. Seit mindestens 2015 beobachten wir bei den etablierten Parteien ein Gebaren nach Kita-Sandkastenmanier "Nein, mit dem Klausi spiele ich nicht".
H. Lambert am Permanenter Link
Ihr Komentar freut mich.
Dipl. Phil Helena P. am Permanenter Link
Ihrer auch - ich freue mich auf weitere Kommentare von Ihnen. In der Hoffnung, die politischen Parteien steigen endlich in inhaltliche Diskurse zum Wohle unseres Landes ein.
Helmut Lambert am Permanenter Link
Vielen Dank für Ihre Ermutigung.
Dipl. Phil. Hel... am Permanenter Link
Da bin ich völlig bei Ihnen und habe es 20 Jahre in meiner beruflichen Laufbahn (Justiz) tagtäglich miterleben müssen.
Insofern bin ich dann auch Verfechterin der aktiven, wehrhaften Demokratien, für die die einmal erreichten, verbindlichen Verfassungen nicht verhandelbar sind. Toleranz endet dort, wo in Grundrechte und -freiheiten eingegriffen wird. An dieser Stelle haben Demokratien deutlich für sich einzutreten und entsprechende Grenzen zu ziehen. In den letzten ca. 35 Jahren haben wir gerade in den westeuropäischen Gesellschaften so viel Toleranz und grenzenlose Naivität erlebt, die die Etablierung anderer, paralleler Rechtsordnungen inmitten Europas erst möglich gemacht haben. Automatische Anpassungen an Werteordnungen erfolgen in keiner Weise automatisch, was sich aus der Geschichte ableiten lässt. Die Anpassungen müssen selbstredend gesteuert, aktiv eingefordert und immer wieder nachjustiert werden.
pi am Permanenter Link
Es wäre interessant zu erfahren, welche Medien Sie so konsumieren, dass Sie eine Zunahme von Kriminalität, explosionsartige Zunahme von Gruppenvergewaltigungen, Verlust von Identität etc. beklagen.
Dipl. Phil. Hel... am Permanenter Link
"Welche Medien Sie so konsumieren..." Schlichte BKA- und Polizeiliche Kriminalstatistiken. Fakten. Würde ich Ihnen auch einmal empfehlen wollen. So kommt man aus der eigenen Blase heraus.
pi am Permanenter Link
Dann können Sie dort ja sehen, dass es zzt. keinen Anstieg der Kriminalität und keinen „explosionsartigen Anstieg von Massenvergewaltigungen" gibt.
Dipl. Phil. Hel... am Permanenter Link
Genau, Herr/Frau PI. - alles nicht existent:
Kölner Domplatte, IS-Terrorangriffe in D wie Breitscheidplatz/Berlin, Solingen, Magdeburg, Duisburg, Mannheim, Sauerland, Frankfurt/Main, Bonn, Hannover, Würzburg, Ansbach, Hamburg...
https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/chronik-islamistischer-terror-deutschland-100.html
Ehrenmorde zur Wiederherstellung der Familienehre, Gruppenvergewaltigungen, stetig ansteigender Antisemitismus, Femizide, Notwendigkeit von Fussfesseln, etc.pp.
Zitat Homepage GdP:
https://www.gdp.de/bund/de/stories/2025/04/die-eskalation-des-islamischen-extremismus-und-terrorismus-in-deutschland-bedrohungen-fuer-die-westliche-demokratie
"Die Flüchtlingskrise von 2015, bei der über eine Million Asylsuchende nach Deutschland kamen, verschärfte gesellschaftliche Spannungen und schuf ein fruchtbares Rekrutierungsumfeld für Extremisten (Statista, 2023; State, 2024). Viele dieser Asylsuchenden kamen aus Konfliktgebieten wie Syrien, Irak und Afghanistan, wo Gruppen wie der Islamische Staat (IS) florierten (Project, Germany: Extremism and Terrorism, 2025).
Ich möchte die Argumentation mit Ihnen jetzt gern beenden.
Dipl. Phil. Hel... am Permanenter Link
Nachtrag:
Statista: "Im Jahr 2024 wurden in Deutschland rund 13.300 Vergewaltigungen, sexuelle Nötigungen und sexuelle Übergriffe im besonders schweren Fall polizeilich erfasst. Damit stieg ihre Zahl das sechste Jahr in Folge und auf einen erneuten Höchststand. Als möglichen Grund für diesen Anstieg nennt das Bundeskriminalamt (BKA) auch eine höhere Anzeigebereitschaft bei Sexualstraftaten. Da ein Fall bzw. eine Tat mehrere Opfer haben kann, gab es im selben Jahr insgesamt circa 13.500 Opfer solcher schweren Sexualdelikte."
Verdoppelung der Deliktszahl seit 2014.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/200877/umfrage/vergewaltigung-und-sexuelle-noetigung/
pi am Permanenter Link
Ich möchte das nicht beenden, weil Sie hier zentrale Narrative der Rechtsextremen wiedergeben, die man nicht so stehen lassen sollte.
• Islamistiche Angriffe: Ja, diese gibt es und sie sind ein Reisenproblem. Die 99,9 % der daran unschuldigen Migrant:innen dafür in Sippenhaft zu nehmen ist für diese Menschen und uns alle ebenfalls ein Riesenproblem und liegt exakt im Kaklkül der Terroristen. Die AfD hat nicht nur kein Rezept dagegen, sondern spielt das identitäre Spiel exakt mit und belohnt die terroristische Strategie damit. Kriminalistische Arbeit, gezielte Ausweisung von Radikalen und eine Integration, die diesen Namen verdient (Arbeit, Soziale Kontakte) könnten das Problem zumindest mildern, obwohl es immer bestehen wird, solange islamistische Ideologie bei uns gibt und diese geduldet wird.
• Sexuelle Übergriffe: Ja, diese gibt es und auch die sind ein Riesenproblem. Bei einer Zunahme Verdoppelung von Anzeigen in 12 Jahren (sichtbar in keiner Relation zu jeweiligen Migrantenzahlen), vor dem Hintergrund der Mee-too-Bewegung uvm. von einer Explosionsartigen Zunahme zu sprechen ist was? Genau: interessengesteuerte Proaganda. Es wird hier konkret und sichtbar eine postdemokratische Machtergreifung vorbereitet und später wird man sagen „Ja, das mit den vielen Vergewaltigungen war nicht mehr zu ertragen.“ In einer Gesellschaft wie sie der AfD vorschwebt würden Vergewaltigugen zunehmen und niemand würde mehr darüber reden. Vergewaltigung in der Ehe würde als Straftatbestand abgeschafft und Frauen würden gezwungen, Schwangerschaften aus Vergewaltigungen auszutragen. Wir sehen das alles in den Ländern, in denen derartige Regierungen an die Macht kommen.
Falls Sie mit der AfD nichtas am Hut haben sollten, würde mich das freuen und ich bin absolut gegen eine Tabuisierung der Debatte. Einer populistischen, sensationsgetriebenen Aufbauschung sollten wir widerstehen. Multiresistente Krankenhauskeime wären objektiv betrachtet ein sehr viel wichtigeres Thema als islamistische Anschläge – aber Terror funtioniert nun mal durch psychologie. „Keep calm and carry on“ ist ein Teil der Lösung, ergebnisorientierte Fahndung und Prävantion ein anderer Teil. Islam- und Patriarchatskritik ist notwendig. Rechtspopulisten wählen oder ihren Positionen nachlaufen, verschärft unsere Probleme, statt irgendwas zu lösen.
Dipl. Phil. Hel... am Permanenter Link
"Zentrale Narrative der Rechtsextremen"...
Ihre Argumentation wirkt auf mich höchst tendenziös und unsachlich. Daher beende ich hiermit den Diskurs und wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.
pi am Permanenter Link
Der GdP ist hier nichts vorzuwerfen, die Frage ist was man daraus macht.
Dipl. Phil. Hel... am Permanenter Link
Da Sie hier den Kontext des "humanistischen Forums" anführen: Dann bitte auch einmal diesen "humanistischen Kontext" für die unzähligen Opfer von Terror- und Sexualstraftaten öffnen.
Die Berliner Opfer vom Breitscheidplatz (2016) kämpfen z.B. bis heute - zirka 10 Jahre danach- vor den Versorgungsverwaltungen erfolglos um staatliche Entschädigungsleistungen, die Mehrheit davon mittlerweile über Klageverfahren. Moralische Vorträge können Sie diesen schwerst gesundheitlich Betroffen ersparen.
Wo bleibt denn hier Ihr wohlmeinender "humanistischer Ansatz"? Oder wird auch diese Argumentation Ihrerseits als "rechtsextreme Narrative" gewertet?