Wie ausgewogen wird im öffentlich-rechtlichen Rundfunk über Weltanschauungen berichtet?

fernsehen_fernbedienung.jpg

Laut Rundfunkstaatsvertrag ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) zu Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit verpflichtet. Weniger als die Hälfte der Menschen in Deutschland gehören einer der beiden christlichen Kirchen an, während Konfessionsfreie mit einem Anteil von 47 Prozent die größte Einzelgruppe bilden. Es könnte erwartet werden, dass nicht-religiöse Weltanschauungen im ÖRR entsprechend ihrer Bedeutung in der Gesellschaft berücksichtigt werden. Aber ist das so?

Die Suche nach dem Stichwort "Atheismus" in der ZDF-Mediathek (25.07.2025) ergibt acht Treffer, bei der Suche nach "Religion" ist auch nach 300 Beiträgen noch kein Ende in Sicht. Möchte man sich über Ethikunterricht informieren, ist die lapidare Antwort: "Deine Suche ergab leider keine Treffer", während das Interesse am Religionsunterricht mit zwölf Sendungen belohnt wird. Der Suchtext "Papst Leo" fördert 73 Beiträge zutage und das nach knapp drei Monaten im Amt. Zu "Richard Dawkins" – schon seit Jahrzehnten ein einflussreicher Atheist – sind nur zwei Sendungen zu finden.

Rein quantitativ kann eine eklatante Schieflage konstatiert werden. Wie sieht es qualitativ aus? Dazu werden im Folgenden die acht Treffer zu dem Suchwort "Atheismus" näher betrachtet.

Eine Serie des ÖRR ist laut Titel gegen alle Götter – leider zu schön, um wahr zu sein

An erster Stelle wird eine – laut Beschreibung – lebensnahe Reportage mit dem Titel: "Against All Gods" offeriert. Das klingt aus humanistischer Sicht vielversprechend. In dem Sozialexperiment leben sechs Menschen unter einem Dach. Naiv könnte bei dem Titel erwartet werden, dass jeder eine andere nicht-religiöse Weltanschauung vertritt; entsprechend der gesellschaftlichen Realität in Deutschland könnte auch eine Aufteilung in drei religiöse Menschen und drei nicht-religiöse Menschen als ausgewogen durchgehen. Aber die Zusammensetzung ist wie folgt: ein Jude, ein Muslim, eine Katholikin, eine Hinduistin, ein Buddhist und eine Nichtgläubige. Fünf Religiöse Menschen gegen eine Atheistin entspricht der Denkweise im ÖRR. Es könnte eingewendet werden, dass es ja nur einen Atheismus gibt, aber viele Religionen. Das greift zu kurz. Die Gruppe der atheistischen Menschen ist nicht homogen, sie hat unterschiedliche Anschauungen und es wäre ein Leichtes, sechs Menschen mit unterschiedlichen nicht-religiösen Lebensentwürfen für eine solche Sendung zu finden.

Zwei weitere Treffer haben die Titel "Hat Gott die Welt erschaffen?" und "Gibt es Gott?", beide Beiträge werden von Harald Lesch moderiert, der zwar von Beruf Physiker ist, aber nach seiner Selbsteinschätzung ist er auch "vom Scheitel bis zur Sohle Protestant". Fundamentale Religionskritik darf unter diesen Voraussetzungen nicht erwartet werden.

Früher war es auch nicht besser

Auf Position vier ist ein Retro-Beitrag aus den 1960ern zu finden, der zwischen Atheismus im Osten und im Westen unterscheidet. Im Osten ist von einer atheistischen Herrschaft die Rede, die von der Staatsmacht durchgesetzt wird. Im Westen gibt es laut der Reportage einzelne Atheisten – namentlich genannt wird Bertrand Russel – aber: "die Zahl der überzeugten Atheisten bleibt klein". Die Wiedervereinigung hat diese simplifizierte Sicht widerlegt. In der DDR wurden zwar Religionsgemeinschaften unterdrückt, aber in Westdeutschland wurden (und werden) sie gefördert. Das von den Kirchen erwartete Erstarken der Religion in den neuen Bundesländern blieb aus, stattdessen nähern sich Osten und Westen an – und zwar auf niedrigem und weiter fallendem Niveau.

Der sechste Treffer "Gott für -Anfänger" macht schon im Titel klar, dass hier religiöse Menschen ihre Sichtweisen ausführlich ausbreiten werden, wobei das Konzept Gott nicht in Frage gestellt wird.

Leben ohne Gott in der Interpretation des ÖRR

Der Titel des siebten Treffers "Leben ohne Gott – Wer braucht noch Glaube und Religion?" scheint direkt humanistische Menschen anzusprechen. Kern der Reportage sind spontane Interviews mit Menschen in der Öffentlichkeit. Zum Teil in einer Einkaufsstraße – was als neutrales Gebiet akzeptiert werden kann –, aber auch auf dem Weihnachtsmarkt, vor einer Kirche, in einer zu Wohnungen umgebauten Kirche und in einer Kirche! Dementsprechend werden ganz "zufällig" neun Menschen gefunden, die zum Teil zwar kirchenkritisch, aber trotzdem religiös sind. Demgegenüber wird nur ein Agnostiker und ein Atheist interviewt. Neben den Gesprächen in der Öffentlichkeit gibt es auch zwei geplante Interviews. Ein Protestant erzählt ausführlich aus seinem Leben, schon als Jugendlicher war er sehr an Religion interessiert und ist – nach einigen Jahren als Banker – jetzt festangestellter Mitarbeiter der evangelischen Kirche. Das Interview würde zu einer Sendung mit dem Titel "Leben mit Gott" passen.

Das zweite Interview wird mit zwei Mitgliedern einer interreligiösen Gruppe geführt. Interreligiös klingt vordergründig offen und wenig dogmatisch, hat aber mit "Leben ohne Gott" nichts zu tun. Oder wie es Andreas Gradert formuliert hat: "Der interreligiöse Dialog gibt sich pluralistisch, ist aber letztlich ein exklusiver Club: Zutritt nur mit Bekenntnis." Eine Sendung aus Trier gibt vor, sich mit einem Leben ohne Gott zu beschäftigen, wobei 86 Prozent der Interviewten und 100 Prozent der berücksichtigten Organisationen religiös sind. Die Humanistische Vereinigung Rheinland-Pfalz/Saarland hat ihren Sitz in Trier. Wäre es nicht naheliegend, für die Redaktion gewesen, sie zu berücksichtigen? Die Sendung – obwohl der Titel etwas anderes suggeriert – verbreitet fast ausschließlich religiöse Propaganda.

Mit Religion Probleme lösen, die man ohne Religion nicht hätte

Der letzte Treffer hat den Titel "Gemobbt, weil nicht muslimisch genug?". Es wird über Probleme des Zusammenlebens von Jugendlichen islamischen Glaubens in der Schule berichtet, wobei die Konflikte durch unterschiedlich strenge Auslegungen der Schriften befeuert werden. Als Lösung wird die Förderung von Toleranz innerhalb des Islam propagiert. Toleranz gegenüber anderen Religionen wird nur am Rande erwähnt und Humanismus ist außen vor. Bezeichnend: Der Moderator begleitet eine Interviewpartnerin in ihrer alten Schule und verweist auf ein Schild in der Eingangshalle mit den Symbolen der "drei großen Weltreligionen". Warum hängt in einer Schule ein Schild mit den Symbolen von drei Religionen und warum sind andere Religionen und nicht-religiöse Weltanschauungen außen vor? Dem Moderator gefällt das Schild. Wäre es nicht seine Aufgabe, auch die Situation von nicht-religiösen Schülerinnen und Schülern zu beleuchten? An der gezeigten staatlichen Schule wird versucht, den Konflikten durch islamischen Religionsunterricht vorzubeugen. Durch Religion hervorgerufene Probleme durch noch mehr Religion lösen zu wollen, könnte kritisch hinterfragt werden. Auf die Idee, dass auch gemeinsam Ethik statt getrennt Religion unterrichtet werden kann, kommen weder die Schulleitung noch die Redaktion.

Eine Sandkorn Humanismus in der religiösen Wüste

Der fünfte Treffer mit dem Titel "Gewalt in der Religion" ist der einzige Beitrag, der in Ansätzen die Religion grundsätzlich kritisiert. Auch hier kommen religiöse Menschen ausführlich zu Wort, die betonen, wie friedlich gerade ihre Religion sei, aber der Moderator relativiert die Aussagen durch Beispiele aus der Geschichte. Die humanistische Sicht wird durch Michael Schmidt-Salomon dargelegt, der vom Moderator als informeller "Chef der Atheisten" eingeführt wird. Dieser Beitrag ist auch der Einzige, der mit dem Suchbegriff Michael Schmidt-Salomon in der ZDF-Mediathek gefunden werden kann. Die Suche nach Georg Bätzing – dem "Chef" der Deutschen Bischofskonferenz – ergibt 19 Treffer. Bätzing werden in den Beiträgen in der Summe über eine Stunde Redezeit eingeräumt, während Schmidt-Salomon seine Gedanken in mageren fünf Minuten zusammenfassen muss.

Ausgewogenheit und Meinungsvielfalt beim ÖRR: Fehlanzeige

Die recherchierten Sachverhalte erfüllen nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Studie, aber die Ergebnisse sind eindeutig genug, um eine religiöse Schlagseite des öffentlich-rechtlichen Rundfunks aufzuzeigen. Selbst wenn mit dem Suchtext "Atheismus" explizit nach Gegenentwürfen zu den Religionen gesucht wird, werden fast ausschließlich religiöse Inhalte transportiert. Statt Meinungsvielfalt und Ausgewogenheit Hofberichterstattung, die zwar oft auch kritisch ist, aber nur gegen das irdische "Personal" der Religionsgemeinschaften, der Glaube an Übernatürliches wird nur selten in Frage gestellt, selbst wenn der Titel der Sendung etwas anderes verspricht.

Müssen wir Bürgerinnen und Bürger uns das gefallen lassen?

Für humanistische Menschen ist das ein Ärgernis, insbesondere da dem ÖRR nicht einfach gekündigt werden kann, so wie das bei Zeitungen und Streamingdiensten selbstverständlich ist. Per Gesetz sind alle Haushalte in Deutschland zum Zahlen verpflichtet.

Aber was ist, wenn der ÖRR seiner Verpflichtung aus dem Rundfunkstaatsvertrag nicht nachkommt? Eine Frau klagte gegen die Gebühr mit dem Argument, dass es an Meinungsvielfalt mangele und ein strukturelles Versagen vorliege. Sie verlor in erster Instanz und auch die beantragte Revision wurde nicht zugelassen. Sie blieb hartnäckig und ging vor das Bundesverwaltungsgericht, welches im Beschluss vom 23. Mai 2024 BVerwG 6 B 70.23 die Revision zuließ. Auszug aus dem Urteil:

"Das Revisionsverfahren kann Gelegenheit zur Klärung der Frage geben, ob und gegebenenfalls unter welchen Voraussetzungen gegen die Beitragserhebung geltend gemacht werden kann, der Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, ein der Vielfaltssicherung dienendes Programm anzubieten, werde strukturell verfehlt, so dass es an einem individuellen Vorteil fehle […]."

Was für Privatleute und Firmen in Deutschland selbstverständlich ist – die Pflicht, Verträge einzuhalten –, wird in dem Urteil auch vom ÖRR verlangt. Bürgerinnen und Bürger müssen das Programm nicht als "gottgegeben" hinnehmen und können als Ultima Ratio auch vor Gericht ziehen.

Unterstützen Sie uns bei Steady!