Kommentar

Vom Für und Wider des Verbrennens "heiliger" Bücher

In Schweden gibt es derzeit heiße Diskussionen um das Verbrennen "heiliger" Bücher, konkret um das Verbrennen von Koran und Thora. Sollte dies gesetzlich erlaubt oder verboten sein? Ein Kommentar aus säkular-humanistischer Sicht von hpd-Redakteurin Daniela Wakonigg.

Im Januar wurde in Schweden auf einer rechten antitürkischen Demonstration ein Koran verbrannt, was zu Protesten in der muslimischen Welt führte. Weitere Ankündigungen öffentlicher Koranverbrennungen folgten, die kurzfristig verboten, dann aber wieder erlaubt wurden. Dies wiederum führte zur Ankündigung einer öffentlichen Thora-Verbrennung, die in dem skandinavischen Land zu weiteren Diskussionen um das Verbrennen von "heiligen" Büchern führten.

Bücher sind eine faszinierende Sache. Objektiv betrachtet sind sie nichts weiter als mit Buchstaben bedruckte Papierseiten zwischen zwei Buchdeckeln. Und doch können sie Bemerkenswertes bewirken. Sie können Menschen ihrer eigenen Gegenwart entrücken, sie in Fantasiewelten entführen, an weit entfernte Orte und Zeiten oder in erstaunliche Gedankengebäude. Insofern wohnt allen Büchern eine gewisse Magie inne – wobei diese Magie vollkommen rational zu erklären ist.

Sogenannte "Heilige Bücher" stellen eine besondere Kategorie dieser erstaunlichen Objekte dar. Für die Anhänger von Religionen steht jede einzelne Ausgabe ihres jeweiligen "heiligen" Buchs gewissermaßen in direkter Verbindung mit der heiligen Gottheit, die sie verehren. Ein Angriff auf dieses Buch stellt für sie einen Angriff auf ihre Gottheit, ihren Glauben und damit auch auf sie selbst dar.

Wer nun "Heilige Bücher" öffentlich verbrennt, kann hierfür sehr unterschiedliche Gründe haben. Allein bei den jüngsten Ereignissen in Schweden zeigte sich dies sehr deutlich. Die Koran-Verbrennung durch Rechtsextreme im Januar hatte eindeutig muslimen- und ausländerfeindliche Gründe. Auch eine gewisse Bedrohung lässt sich daraus ablesen, denn bekanntlich belassen es Rechtsextreme nicht immer beim Anzünden von Koranen, sondern zünden mitunter auch Asylbewerberheime an.

Die nächsten Koran-Verbrennungen wurden mit anderen Intentionen angemeldet: Eine Gruppe wollte auf diese Weise Schwedens NATO-Beitritt verhindern, nachdem bereits die Koran-Verbrennung im Januar dazu geführt hatte, dass der türkische Präsident Erdoğan empört genug war, Schwedens NATO-Beitritt zu blockieren. Aber auch ein Mann, der aus einem mehrheitlich muslimischen Land stammt, beantragte eine Koran-Verbrennung. Er wollte sie als Kritik am Islam verstanden wissen.

Die Diskussionen um die Koran-Verbrennerei empörten dann wiederum einen Muslim, der prompt beantragte, eine jüdische Thora öffentlich verbrennen zu dürfen, um herauszufinden, wie liberal man in Schweden denn nun wirklich sei in Hinblick auf das Verbrennen "heiliger" Bücher – oder ob diese Liberalität eventuell nur in Hinblick auf das "heilige" Buch des Islam bestünde. Dass das Verbrennen eines "heiligen" Buchs der Juden nach dem Holocaust und aufgrund in der muslimischen Welt weit verbreiteter Vernichtungsfantasien gegen den Staat Israel noch einmal ganz anders konnotiert ist als das Verbrennen einer Bibel oder eines Korans, sei hier nur am Rande erwähnt.

Diese unterschiedlichen Intentionen, die mit dem Verbrennen "heiliger" Bücher verbunden sein können, machen die Sache für Gesetzgeber und Ordnungsbehörden nicht gerade einfach. Sollte es einfach per se gesetzlich verboten oder per se gesetzlich erlaubt sein, Bücher, die einer relevanten Anzahl von Menschen "heilig" sind, zu verbieten? Oder sollte es der Ordnungsbehörde oder Polizei überlassen werden, im Einzelfall und je nach vorgetragener Intention über Verbot oder Erlaubnis des Verbrennungsvorhabens zu entscheiden?

Und wie könnte eigentlich eine sinnvolle säkular-humanistische Haltung zu dem Thema aussehen? Für einen säkularen Staat müsste es eigentlich klar sein, dass kein Buch objektiv "heilig" ist. Es gibt Bücher, die Menschen wichtig sind, den einen Koran, Bibel, Thora oder Bhagavadgita und den anderen Harry Potter, Goethes Faust oder Darwins "Entstehung der Arten". Das Verbrennen oder Zerstören jedes Buchs zu verbieten, das irgendjemandem wichtig ist oder wichtig sein könnte, dürfte deshalb weder praktikabel noch sinnvoll sein. Die Bevorzugung Religiöser gegenüber Nicht-Religiösen und damit ein Verbot nur für das Verbrennen oder Zerstören von Büchern, die Religiöse für "heilig" halten, verbietet sich jedoch in einem säkularen Staat. In einem solchen muss also das Verbrennen auch sogenannter "heiliger" Bücher erlaubt sein.

Aber sollte man es deshalb auch tun? Nein. Jedenfalls nicht ohne triftigen Grund. Hier käme dann der Humanismus ins Spiel. Denn warum soll ich absichtlich Menschen verletzen, indem ich etwas beschädige, das ihnen wichtig ist – egal für wie unsinnig ich persönlich dieses Etwas halte?

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Kommentare (39)

Roland Fakler (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 13:12

Ein kluger und abgewogener Text!
Natürlich sollte jeder das Recht haben, seine eigenen Bücher zu verbrennen, aber es ist eben nicht die klügste Art, sich mit dummen Büchern auseinanderzusetzen….oder besser, es ist nicht die humanistische Art. Ich mache das lieber argumentativ.

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 13:24

"....Menschen verletzen, indem ich etwas beschädige, das ihnen wichtig ist...", das reicht m.E. nicht. Sonst dürfte ich auch (unabhängig von den bei uns geltenden Sondergesetzen im Zushang mi dem Nat.sozialismus) nicht Mein Kampf verbrennen. Es muss wohl ein Mindestmaß an Humanität des Heiligen Buchs hinzukommen und an Toleranz ihrer Gläubigen.
Darin liegt auch ein Unterschied zur in Erwägung gezogenen Thoraverbrennung. Ich habe noch nicht gehört, dass die Juden einem anderen Staat aus Glaubensgründen mit Vernichtung drohen oder ihren Glauben mit Sprengstoffgürteln verbreiten.
Daher halte ich die Verbrennung Heiliger Bücher zur Verteidigung einer aufgeklärten Gesellschaft für gerechtfertigt und lediglich unter Zweckmäßigkeitsgründen zu entscheiden, z.B. unerwünschte Solidarisierungen etc.
MfG

Weber (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 16:40

Antwort auf von Helmut Lambert (nicht überprüft)

Hallo, ich kann Ihren Standpunkt nicht nachvollziehen. Warum sollen Bücher verbrannt werden? Das Verbrennen von Büchern zeugt von geistiger Armut, denn das Verbrennen von Büchern beseitigt keinesfalls deren Inhalt. Man muss sich argumentativ mit den Inhalten der Bücher auseinandersetzen, einschließlich dem des "Mein Kampf ". Wer das macht wird erkennen wie geistlos manche Inhalte von Bücher sind. Mit freundlichen Grüßen

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Di. 2 Mai 2023 - 15:42

Antwort auf von Weber (nicht überprüft)

Die Frage war: Dürfen Bücher....? Natürlich geht es zunächst um das Verstehen durch lesen! Verbrennen ist ja eine Form der öffentliche Missbiligung eines Textes. Warum soll das nicht erlaubt sein? Das Problem ist ja die "Heiligung" eines Textes, um ihn absolut zu setzen und Kritik von vorneherein zu unterbinden - notfalls unter Androhung von Gewalt.

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Do. 4 Mai 2023 - 11:34

Antwort auf von Volkmar H. Weber (nicht überprüft)

Wie kommen Sie dazu, mich mit Ihrem Dogma vom Humanismus auszuschließen? (...) (von der Redaktion gemäß unserer Netiquette bearbeitet)

Weil das Verbrennen von Büchern nur von radikalen Kräften gemacht wird und der Humanismus nicht in der Tradition der Bücherverbrenner des 3. Reiches oder anderer, meist rechtsradikaler Kräfte (siehe Schweden) steht.

Helmut Lambert (nicht überprüft)

So. 7 Mai 2023 - 10:59

Antwort auf von Weber (nicht überprüft)

Keine Antwort auf meine Frage, wieso Sie mir mit Ihren Dogmen absprechen ein Humanist zu sein. Da habe ich eher bei Ihnen Zweifel, weil Sie nicht argumentieren sondern behaupten.

Informieren Sie sich mal über den Begriff Dogma. Ich bezie mich nicht auf kirchliche Ansichten. Es ist Tatsache, daß das Verbrennen von Büchern von Extremiste, vornehmlich rechtsradikalen, durchgeführt wird und denen ist der Humanismus abzusprechen.

Oh Gott! Sie meinen Dogmen gäb es nur im eeliösen Zusammenhang! Und raten mir, mich zu informieren!
Es ist noch schlimmer als ich dachte!

Willi Stockem (nicht überprüft)

Di. 9 Mai 2023 - 15:07

Antwort auf von Weber (nicht überprüft)

Erlaubt - nicht erlaubt?
Warum fragen sie nicht einfach bei den Kirchen nach. Die sollten doch Experten sein. Immerhin haben die Päpste Bücher mit ihnen nicht genehmen Inhalten gleich haufenweise verbrannt.

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Mi. 10 Mai 2023 - 16:18

Antwort auf von Willi Stockem (nicht überprüft)

Das war nicht meine Frage sondern die, des Artikels von Frau Wakoning, incl. der Anregung an die Leser, ihre Meinung mitzuteilen.

Weber (nicht überprüft)

Mi. 10 Mai 2023 - 16:18

Antwort auf von Willi Stockem (nicht überprüft)

Sollte es zu Ihrer Behauptung auch belastbare Fakten geben? Nach Ihren Ausführungen ist das Verbrennen von Büchern erlaubt, da das die Päpste (echte Humanisten) gemacht haben sollen und das von Faschisten und rechten Radikalisten bestätigt wurde. Da kann man nur entsetzt den Kopf schütteln.

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Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 14:22

Man sollte generell Bücher nicht verbrennen. Auch nicht wegschmeißen, schreddern. Aber wenn man es nicht verbieten kann (Verfügungsgewalt über das Eigentum), dann ist es zwangsläufig erlaubt. Nicht sinnvoll, aber erlaubt.

Ein säkularer Staat kann damit aus meiner Sicht nur so umgehen, indem er bei Buchverbrennungen die Gesinnung der Verbrennung erforscht und bei radikalen Ansätzen einschreitet. Das ist aber sehr dünnes Eis und nur möglich, wenn die Verbrennung von entsprechenden Hassbotschaften flankiert wird. D. h. wenn damit öffentlich zur Vernichtung der Menschen aufgerufen wird, denen die Werke wichtig sind.

So, wie Bücherverbrennungen der Nazis heute negativ bewertet werden, weil sie auf der Absicht, Gedankengut und Haltungen zu vernichten, basierten. Oder wie es einer der Erfinder der Bücherverbrennungen aus ideologischen Gründen tat: D. Martin Luther, der das Judentum, den Islam und die Meinung Andersdenkender (z. B. Nicht-Reform-Williger) in Deutschland vernichten wollte.

Aber parallel dazu müsste der säkulare Staat auf religiöse Vertreter einwirken, dass sie sich nicht provozieren lassen, wenn jemand sein eigenes Buch - und sei es eine sogenannte heilige Schrift - zerstört. Denn praktisch alle Bücherverbrennungen dieser Werke basieren auf Provokationsabsicht. Ließen sich Gläubige nicht mehr provozieren, wäre dieser Idee der Stecker gezogen...

Gerhard Baierlein (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 17:16

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

@ Bernd Kammermeier: Zum Thema Bücher verbrennen oder vernichten eine kleine Anekdote von mir. In meiner Straße wohnt ein radikaler Christ, bei diesem ich mir erlaubt habe,
eines meiner Büchlein in den Briefkasten zu werfen, als ich dann nach kurzer Zeit wieder an
dessen Haus vorbeiging, lag mein Büchlein auf der Strasse im Dreck, soviel zu der Kommunikationsbereitschaft von streng gläubigen Christen. Mein Versuch ein Gespräch zu
erreichen war damit klar abgelehnt. Was soll man da noch machen?

David Z (nicht überprüft)

Sa. 29 Apr 2023 - 11:36

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

In einer freien Gesellschaft darf jeder sein persönliches Eigentum behandeln, wie er möchte. Das Verbrennen an sich muss gesetzlich erlaubt sein.

Jurisitisch relevant ist der Kontext. Genau so wie bestimmte Äusserungen im öffentlichen Kontext problematisch und damit u. U. strafrechtliche Relevanz haben können, gilt das auch für Handlungen, in diesem Fall für die Bücherverbrennung oder jegliche andere herabwürdigende Handlung (zb Koran mit Schweinekot beschmieren) , die unreflektiert den öffentlichen Frieden stören oder sogar zur Gewalt aufrufen. Ich könnte mir sogar Situationen vorstellen, die die Verbrennung von "Mein Kampf" aus gutem Grund strafrechtlich ahnden bzw verbieten.

Die Abwägung ist zugegebenermassen sehr schwierig, Stichwort "Gotteslästerung". Grundsätzlich sollte mMn im Zweifel die juristische Tendenz zu freien Meinungsäusserung bzw Handlung gehen.

Walter Otte (nicht überprüft)

Di. 2 Mai 2023 - 17:10

Antwort auf von Bernd Kammermeier (nicht überprüft)

Zur Anekdote: mir ist völlig unbegreiflich, wie man auf eine solche Art und Weise eine Kommunikation mit einem "radikalen" Christen - was immer das genau sein mag - aufbauen will. Und warum überhaupt? Warum sollte sich ein "radikaler" Christ mit den (zugegebenermaßen interessanten) Büchern von Gerhard Baierlein befassen?

"Erfolgreicher" könnte sein: Religiösen, aber Zweifelnden, solche Bücher zugänglich zu machen. Das könnte die Zweifel verstärken.

Werner Helbling (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 14:44

Diese «heiligen Bücher» sind vor etwa zwischen 1300 + 3500 Jahren entstanden. Dies in einem Umkreis von etwa 1500 Km um Jerusalem. In einer Zeit als 99 % der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnten. Die Erde noch eine Scheibe war. Darum wäre Aufklärung in den Schulen und allen Medien dringend notwendig. Aber diese wird von diesen (allen) Religionen mit grösstem Lobbyaufwand auf allen Ebenen verhindert. Den meisten Gläubigen ist gar nicht gegenwärtig, was für Absurditäten in diesen «heiligen Schriften» enthalten sind. Da sie als «Gottes Wort» dargestellt werden, können/dürfen diese Schriften nicht der heutigen Zeit angepasst werden. Also zitiert man den Gläubigen nur die harmlosen Zitate und Abschnitte dieser Schriften.
Mit dem Verbrennen dieser Schriften, bringt man nur die fundamentalen Gläubigen auf die Palme. Das Thema Aufklärung (möglichst keine Finger verbrennen) wird damit kontraproduktiv verdrängt und unterdrückt statt dringend angegangen.

Ihre Ausführungen münden in die pragmatische Überlegung der aufklärerischen Wirkungen von Bücherverbrennungen, die Sie bei fanatischen Anhängern aufgrund der Provokation nicht erwarten. Aber fanatische Anhänger sind doch auch durch vernünftige Argumente nicht zugänglich, also spielen diese ohnehin keine Rolle. Dagegen finde ich die Verbrennungen wie in Schweden ein klares Zeichen gegen die fundamentalistische Intoleranz.

"Im Römischen Reich einschließlich der Provinzen waren weite Teile der Bevölkerung alphabetisiert." (laut Wikipedia: Alphabetisierung)
"Ein wichtiger Grund für die vergleichsweise hohe Alphabetisierungsrate unter der jüdischen Bevölkerung waren die religiösen Praktiken" (Quelle: https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/konnte-jesus-lesen-und-schreiben/ )

"Pythagoras (von -580 bis -495) und Platon (von -428 bis -348) gaben der Erde eine Kugelform, die als rationaler angesehen wurde. Aristoteles (von -384 bis -322) erbrachte schließlich durch Beobachtung die ersten Beweise für die Kugelform der Erde. ... Diese Tatsache, dass die Erde eine Kugel war, schien die Welt damals nicht wirklich zu schockieren." Quelle: https://www.futura-sciences.com/de/wer-hat-herausgefunden-dass-die-erde-rund-ist_8478/

"Die kürzeste Entfernung zwischen Jerusalem und Rom beträgt 2.302,84 km Luftlinie." Quelle: Google (Anm.: Philipperbrief und Philemonbrief)

Ja, Aufklärung ist immer gut.

Bruder Spaghettus (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 18:50

"Hier käme dann der Humanismus ins Spiel. Denn warum soll ich absichtlich Menschen verletzen, indem ich etwas beschädige, das ihnen wichtig ist – egal für wie unsinnig ich persönlich dieses Etwas halte?"

Das sollten Humanisten tatsächlich nicht tun, absichtlich Menschen zu verletzen. Sie sollten sich aber auch nicht davon abhalten lassen, etwas, was sie für notwendig halten, zu tun, weil sich durch dieses Tun Menschen verletzt fühlen könnten. Das wäre nicht nur das Ende von Religionskritik, sondern das Ende jeglicher auf Gruppen bezogener Kritik. Da spielt es auch keine Rolle, ob völlig sicher ist, dass diese Gruppen sich verletzt fühlen. Es spielt lediglich eine Rolle, ob das Verletzen das Hauptanliegen der Aktion ist oder Nebenprodukt.

Helmut Lambert (nicht überprüft)

So. 7 Mai 2023 - 11:21

Antwort auf von Bruder Spaghettus (nicht überprüft)

Bruder Spaghettus: Im zweiten Teil deines Textes relativierst du die etwas dogmatische Aussage des ersten Teils "...Humanisten sollten nicht...".
Das ist ja sehr ehrenwert und vernünftig, verkennt aber, dass weder das Individuum noch eine Gesellschaft nur vernünftig gesteuert werden. Insofern müssen wir unvernünftige, emotionale Wirkungen mit einberechnen. Konkret: Eine nur friedliche, besänftigende Reaktion auf aggressive Haltungen führt zur Einladung zu weiterer Aggression. Das sieht man aktuell bei Putin, der durch unsere Abrüstung ermuntert wurde, man sieht es bei jedem Kind, dem nicht klare Grenzen gesetzt wurden und man sieht es im Tierreich wo kleine aggressive Tiere viel größere in die Flucht schlagen, wenn diese sich nicht wehren oder drohen. Daher sehe ich die Notwendigkeit, den Feinden unserer Freiheit nicht nur rational sondern auch emotional deutliche Zeichen zu setzen. Dazu können auch Bücherverbrennungen gehören. Wir müssen im vorliegenden Fall berücksichtigen, dass Schweden durch die islamistische Parallelgesellschaft ein riesiges Problem hat, (...) [von der Redaktion gemäß Netiquette um nicht überprüfbare Fakten gekürzt]. In wessen Interesse ist es, in dieser Situation die "Büchverbrenner" in die braune Ecke zu stellen?

A.S. (nicht überprüft)

Fr. 28 Apr 2023 - 23:44

Bücher sind Bündel von bedrucktem Papier. Wenn ein Buch verschlissen ist, kann man es in den Müll oder den Ofen werfen. In beiden Fällen wird es verbrannt.
Heute sind Bücher Massenware und beliebig reproduzierbar, z.T. sogar elektronisch.

Warum also die Aufregung?

Ich möchte aber noch einen anderen Aspekt ins Spiel bringen:
Wer ein "heiliges" Buch verbrennen kann, hat keine Angst vor diesem beschissenen Gott. Viele Gläubige trauen es sich nicht. Insofern ist die Verbrennung von heiligen Büchern oder anderen heiligen Gegenständen ein Test, ob eine Person noch die Hose voller Gottesschiss hat.

Klarsicht(ig) (nicht überprüft)

Sa. 29 Apr 2023 - 10:48

Ich biete die Möglichkeit an, einen Blick in den Inhalt des nachstehend aufgeführten Links zu werfen. In ihm geht es um einen „Glaubens-Infizierten“, der religionskritische und sonstige, ihm nicht (mehr) genehme Bücher öffentlichkeitswirksam (durch zwei Videos offenbart) verbrennt.

Religiöse Verblödung dominiert den Intellekt !: 
https://klarsicht-blog.blogspot.com/2015/12/religiose-verblodung-dominiert-den.html

Gruß von
Klarsicht(ig)

David Z (nicht überprüft)

Sa. 29 Apr 2023 - 11:18

Muslime identifizieren den Islam und den Koran als Teil ihrer Persönlichkeit. Wenn wir die Verwendung von subjektiv "falschen" Pronomen und Anreden unter Strafe stellen, müssen wir auch das Verbrennen des Korans unter Strafe stellen.

Udo Endruscheit (nicht überprüft)

Sa. 29 Apr 2023 - 15:28

Auf den Punkt. Es ist nicht die Sache eines säkularen Staates, über "Erlaubnisse" oder "Verbote" von Bücherverbrennungen zu entscheiden, er sollte gar nicht erst diese Thematik an sich ziehen. In Schweden zeigt sich doch gerade, in was für eine Zwickmühle der Staat dann gerät, zumal wenn er nach Motiven und Religionszugehörigkeiten auch noch differenzieren soll ...

Die Causa sollte eigentlich nur eine ordnungsrechtliche sein. Abfackeln von irgendwas im öffentlichen Raum sollte einer einfachen ordnungsrechtlichen Ahndung zugänglich sein. Im deutschen Immissionsschutzrecht käme dann auch noch die Verbrennung von Papier dazu, was selbst auf Privatgrundstücken in den meisten Kommunen nicht gestattet ist.

So könnte man jede Art von öffentlichen Verbrennungsaktionen ahnden, entzöge sich dem Vorwurf der religiös konnotierten Parteilichkeit und betriebe auch noch aktiven Immissionsschutz. In dem Moment, wo man so unvorsichtig ist, staatlicherseits über eine Erlaubnispflicht oder umgekehrt über Verbotskriterien zu diskutieren, ist man mittendrin.

SG aus E (nicht überprüft)

So. 30 Apr 2023 - 22:11

"Und wie könnte eigentlich eine sinnvolle säkular-humanistische Haltung zu dem Thema aussehen? Für einen säkularen Staat müsste es eigentlich klar sein, dass kein Buch objektiv 'heilig' ist."

Ist es auch. Jedenfalls in Deutschland. Man muss die Diskussion nicht jedes Jahr neu auflegen. Das deutsche Recht ist säkular und schützt weder einheimische noch zugewanderte Religionen vor Kritik. Geschützt durch die einschlägigen Paragraphen (§§ 126, 130, 140, 166 StGB) wird 'der öffentliche Friede'. Wenn dieser gefährdet erscheint, können Demonstrationen und öffentliche Verbrennungen verboten werden. Damit sollten sich auch die überzeugtesten Säkularisten anfreunden können.

Ein häufig zu hörendes Argument gegen den § 166 StGB (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen) ist, dass die Beschimpften (z.B. die Muslime) nur heftig genug Rabatz machen müssten, um unangenehme Kritik zu verhindern. Es greift aber nicht, wenn man sich zu Gemüte führt, was das Bundesverfassungsgericht zum Thema 'öffentlicher Friede' entschied:

"Die Wahrung des öffentlichen Friedens bezieht sich insoweit auf die Außenwirkungen von Meinungsäußerungen etwa durch Appelle oder Emotionalisierungen, die bei den Angesprochenen Handlungsbereitschaft auslösen oder Hemmschwellen herabsetzen oder Dritte unmittelbar einschüchtern." (1)

Man muss nicht gleich Heine zitieren – "Das war ein Vorspiel nur! Dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen." (2) – um für möglich zu halten, dass solche Inszenierungen dazu anstacheln können, die eigene Verachtung gegenüber Menschen anderer Religion bzw. einer bestimmten Religion in aktive Tätlichkeiten zu überführen.

(1) zitiert nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Öffentlicher_Friede
(2) zitiert nach: https://hpd.de/artikel/spur-verbrannten-buecher-18038

Nachbemerkung:
Ob man wirklich den § 166 braucht, um den öffentlichen Frieden zu wahren – darüber erlaube ich mir kein Urteil. Mir war bei meinem Kommentar wichtig, einmal den Blick zu wenden: weg von den befürchteten Reaktionen der Beschimpften hin zum Aufforderungscharakter solcher Inszenierungen.

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Do. 4 Mai 2023 - 10:35

Antwort auf von SG aus E (nicht überprüft)

SG aus E: Das Heinezitat ist mir zu pazifistisch, fatalistisch und ahistorisch. Es stammt aus der Zeit, wo aufklärerische Bücher verbrannt wurden und die Herrschenden auch keinen Respekt für das Leben ihrer Untertanen hatten. In demokratischen Staaten ist nicht zu befürchten, dass sie "religiöse Fanatiker" verbrennen. Die Herstellung der Verbindung Bücher - Menschen rückt Bücherverbrenner in demokratischen Staaten zu Unrecht in die Naziecke und schwächt offensive, provokante Positionen zur Verteidigung unserer Freiheit.

@ Helmut Lambert: An sich haben Sie recht, man muss nicht gleich Heine zitieren. Ich habe das Zitat stehen lassen, weil mir die Ereignisse der Jahre 1992/93 und 2015/16 in den Sinn kamen. In Mölln und Solingen starben tatsächlich Menschen im Feuer, und 2015/16 wurden zwar meist unbewohnte Gebäude angezündet – aber nicht nur. 'Die Zeit' trug einmal viele Daten zusammen, das Ergebnis ist noch abrufbar: (1)

Es fragt sich nur: Kann der öffentliche Friede auch durch Häufung von Einzeltaten gefährdet sein? Und zählt die Sicherheit (bzw. das Sicherheitsgefühl) von Nicht- oder Neu-Staatsbürgern auch zum öffentlichen Frieden? Einige gute Gedanken zum Thema bietet Thomas Fischer hier: (2)

Ein letzter Satz für heute, da Sie von der Verteidigung 'userer' Freiheit sprachen: Wessen Freiheit war eingeschränkt, als sich monatelang Zweifelnde und Kritische zu PEgİdA trafen? Wer hat hat sich montags kaum noch auf die Straße getraut? Waren es 'wir' oder 'die', und warum zählen Sie 'die' nicht auch zum 'wir'?

(1) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-09/rechte-gewalt-todesopfer-bundeskriminalamt-wiedervereinigung/komplettansicht
(2) https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2015-10/volksverhetzung-strafrecht-fischer-im-recht/komplettansicht

Helmut Lambert (nicht überprüft)

Fr. 5 Mai 2023 - 17:52

Antwort auf von SG aus E (nicht überprüft)

Zu SG aus E: Zu1. Brandstistung an bewohnten Häusern hat doch nichts damit zu tun, dass oder ob vorher Bücher verbrannt worden sind.
zu2. verstehe ich nicht. Ist mir auch angesichts des einfachen Sachverhalts zu viel zu lesen.
zu 3v Wenn jemand sich nicht mehr auf die Straße traut, kann es an objektiver Gefährlichkeit liegen oder an unangemessener Ängstlichkeit. Dass jeder Bürger friedliche Demonstrationen mit welchem Inhalt auch immer hinnehmen muss, ist doch unfraglich. Die Verhinderung von Gewalt ist Sache der Polizei. Den Zusammenhang zwischen der Frage, ob man Bücher verbrennen darf und Pegida sehe ich nicht.

SG aus E (nicht überprüft)

Mi. 10 Mai 2023 - 21:27

Antwort auf von Helmut Lambert (nicht überprüft)

Nun, ich hatte versucht darzulegen, dass der freiheitliche, religiös / weltanschaulich neutrale und säkulare Rechtsstaat die "Heiligkeit" bestimmter Schriften nicht zur Grundlage seiner Entscheidungen macht, sondern den 'öffentlichen Frieden', den es zu schützen gilt. Sie sehen den 'öffentlichen Frieden' durch Koranverbrennungen nicht als gefährdet an. Insofern sollte Sie nichts von einer solchen Aktion abhalten.

Am 28. April 2023 um 13:24 Uhr schrieb Helmut Lambert:
"Daher halte ich die Verbrennung Heiliger Bücher zur Verteidigung einer aufgeklärten Gesellschaft für gerechtfertigt und lediglich unter Zweckmäßigkeitsgründen zu entscheiden, z.B. unerwünschte Solidarisierungen etc."

Ich wünsche gutes Gelingen! Auch betreffs der sicherlich zu erwartenden "unerwünschten Solidarisierungen etc." Inhaltlich distanziere ich mich selbstverständlich von allem, was Sie geschrieben haben.

Mark (nicht überprüft)

Di. 2 Mai 2023 - 08:17

Diese Form des Protests ist nicht sehr klug, weil es zu sehr an die Methoden der Nazis gleicht.Mit so etwas sollte man sich nicht identifizieren.

Ich finde, 75 Jahre nach dem Ende der Nazidiktatur sollte man mit entsprechenden Vergleichen wegen der grundsätzlich anderen Voraussetzungen sparsamer umgehen. Sie werden oft nur gezogen, um eine inhaltliche Diskussion und damit eine Infragestellung der eigenen Position von vorneherein zu unterbinden.

Rene Goeckel (nicht überprüft)

Di. 2 Mai 2023 - 11:04

Angesichts des begangenen Unheils sollten diese Bücher noch in der Druckerei verbrannt, geschreddert oder recycelt werden.

Martin (nicht überprüft)

Di. 2 Mai 2023 - 16:05

Meines Wissens ist der Koran in anderer Art "heilig" als die Bibel.

Christen ist die Bibel als "Gottes Wort" heilig, aber nur den Inhalt, nicht das physische Buch aus Papier. Ein Christ kann eine alte, zerfledderte Bibel ins Altpapier-Recycling werfen und sich eine neue zuzulegen.

Beim Koran ist es anders: Wie alt und zerfleddert eine Ausgabe auch sein mag, das physische Material bleibt "heilig". Die Koran-Ausgabe kann allenfalls in einer Moschee abgegeben werden und wird dann ggf. "beerdigt".

Spannend wird es, wenn man ein E-Book-Reader hat. Wenn ein Muslim eine Kopie des Korans darauf installiert — darf er die Kopie jemals wieder löschen? Oder muß er das Gerät auch beerdigen, wenn es mal defekt ist? Das widerspräche dem Ziel des Elektrogeräte-Recyclings, was wohl höher zu bewerten ist als eine "heilige" Schrift.

Kennt jemand die genauen Regeln? Danke!

Daniela Wakonigg

Die Autorin ist studierte Philosophin, Theologin und Germanistin. Sie lebt in Münster (Westf.) und arbeitet als freie Autorin und Journalistin für Hörfunk- und Print-Medien. Sie ist u. a. Redakteurin der Zeitschrift MIZ und war von 2016 bis Anfang 2024 stellvertretende Chefredakteurin des hpd.

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