Wie sollten Humanistinnen und Humanisten auf die israelischen und amerikanischen Angriffe auf den Iran reagieren? In welchem Verhältnis stehen Humanismus und Pazifismus zueinander? Darüber sprach der Humanistische Pressedienst mit dem Philosophen und Vorsitzenden der Giordano-Bruno-Stiftung (gbs) Michael Schmidt-Salomon.
hpd: Die gbs hat in den vergangenen 20 Jahren das Mullahregime scharf kritisiert und sich immer wieder auf die Seite der iranischen Widerstandsbewegung gestellt. Wie schätzt du die jüngsten Angriffe Israels und der USA auf den Iran ein?
Michael Schmidt-Salomon: Ambivalent. Die Risiken und Chancen halten sich ungefähr die Waage. Daher kann man sich meines Erachtens weder eindeutig für noch gegen diesen Krieg aussprechen. Mit einem einfach gestrickten Schwarz-Weiß-Denken wird man der komplizierten Weltlage nicht gerecht.
Was meinst du damit?
Wir müssen in diesem Fall unterschiedliche Aspekte gegeneinander abwägen: Sind die Angriffe völkerrechtswidrig? Sehr wahrscheinlich. Wird dies das Völkerrecht weiter schwächen? Vermutlich. Sterben Unschuldige in diesem Krieg? Ja, tragischerweise lässt sich dies bei solch massiven Bombardements gar nicht verhindern. Sind die Angriffe mit großen Gefahren für die Zukunft des Iran, den Nahen Ostens und für den Weltfrieden verbunden? Zweifellos, ein verheerender Flächenbrand ist nicht auszuschließen.
Dies alles sind gute Gründe, um den aktuellen Krieg zu verurteilen. Andererseits jedoch schaffen die Angriffe möglicherweise die Bedingungen dafür, dass sich das iranische Volk nach 47 bitteren Jahren endlich von einer menschenverachtenden theokratischen Diktatur befreien kann, die Hunderttausende von Menschen auf dem Gewissen hat. Zudem wäre das Ende des Mullahregimes ein massiver Schlag gegen den islamistischen Terrorismus, der maßgeblich vom Iran aus organisiert wurde und schreckliches Leid unter Muslime und Nicht-Muslime gebracht hat.
Mina Ahadi, die Vorsitzende des (von der gbs unterstützten) Zentralrats der Ex-Muslime, hat die gezielte Tötung des iranischen Staatsoberhaupts Ali Khamenei am Sonntag in einem Facebook-Beitrag ausdrücklich begrüßt1. Sie meinte, die Geschichte des Irans habe nun zwei Teile: vor dem Tod Khameneis und nach seinem Tod…
Ja, und das ist aus Minas Sicht nur verständlich! Sie kämpft seit 1979 gegen das Mullahregime, ihr Mann und viele Bekannte wurden vom Regime hingerichtet, sie selbst wurde in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Ihre bewegende Lebensgeschichte wird in dem Film "Mina – Der Preis der Freiheit" bestens dokumentiert, im bruno.-Jahresmagazin 2023 findet man zudem ein ausführliches Interview mit ihr über die mutigen iranischen Widerstandsbewegungen der letzten Jahre. Nachdem diese Bewegungen 2009, 2022 und Anfang 2026 blutig niedergeschlagen wurden, hofft Mina nun, dass das Regime endlich kippt. Und mit dieser Hoffnung ist sie wahrlich nicht allein: In Deutschland feierten viele Exil-Iraner den Beginn des Krieges, selbst im Iran tanzten Menschen auf der Straße, als das Bombardement begann.
Teilst du Minas optimistische Einschätzung, dass es zu einem demokratischen Wandel kommen kann und es eine "Zukunft Irans ohne persönliche Diktatur, ohne politische Gefangene, ohne Folter und ohne Hinrichtungen" geben wird?
Ich hoffe sehr, dass dies eintritt und Mina nach so langer Zeit endlich wieder in ihr Heimatland reisen kann. Allerdings sind die Religionswächter noch immer – auch nach der Tötung Khameneis sowie einiger ihrer Führer – eine sehr mächtige Organisation. Es ist nicht davon auszugehen, dass sie ihre Macht freiwillig abgeben werden. Aus diesem Grund halte ich die aktuellen Forderungen deutscher und europäischer Politiker, die Angriffe sofort zu beenden und an den "Verhandlungstisch" zurückzukehren, für gefährlich naiv. Denn wenn man schon mit "Enthauptungsschlägen", also der gezielten Tötung führender Protagonisten der Diktatur, begonnen hat, muss man dies auch zu Ende führen, ansonsten werden die Repressionen gegen das iranische Volk womöglich noch schlimmer ausfallen als vor Beginn des Krieges.
Das klingt aus dem Mund eines humanistischen Philosophen sehr ungewöhnlich! Kann denn die Tötung eines Menschen aus humanistischer Perspektive überhaupt gerechtfertigt werden?
Das hängt von den Umständen ab. Als konsequentialistisch denkender Philosoph habe ich den "Tyrannenmord" stets verteidigt. Selbstverständlich darf es nur das allerletzte Mittel sein, einen Menschen oder gar eine Gruppe von Menschen zu töten. Zu legitimieren ist dies nur, wenn es nachweislich keine anderen Möglichkeiten gibt, Leben zu retten und die Werte der Humanität zu verteidigen. Dies war beispielsweise beim Stauffenberg-Attentat auf Hitler der Fall, das aus konsequentialistischer Sicht selbstverständlich ethisch gerechtfertigt war. Ähnliches gilt, wie ich meine, auch für die Tötung Khameneis und anderer führender Köpfe des islamo-faschistischen Mullahregimes. Nur wenn sie beseitigt werden, haben die Menschen im Iran eine halbwegs realistische Chance auf eine friedvolle, demokratische Zukunft.
Aber lautet die humanistische Grundformel denn nicht "Frieden schaffen ohne Waffen"?
Sicher – und das ist grundsätzlich auch eine sehr vernünftige Maxime! Denn Kriege sind stets mit großem Elend und dem Verlust vieler Menschenleben verbunden. Zudem führen sie häufig nicht zu den gewünschten Ergebnissen, sondern wirken kontraproduktiv – wie etwa der Irak-Krieg von 2003 zeigte, der maßgeblich zum Aufstieg des Islamischen Staats (IS) beigetragen hat. Aber: Vernünftige Maximen gelten für den Regelfall, nicht für den Einzelfall. Manchmal gibt es gute Gründe, Regeln zu überschreiten. Und manchmal braucht man eben doch Waffen, um Frieden zu schaffen. Denn: "Friede ist mehr als Abwesenheit von Krieg" – wie es Willy Brandt 1971 in seiner bemerkenswerten Rede zum Erhalt des Friedensnobelpreises formuliert hat. Echter Frieden verlangt nämlich Freiheit und Gerechtigkeit. Daher lebten die Menschen im Iran in den letzten 47 Jahren keineswegs unter friedvollen Verhältnissen, sondern in einem permanenten Krieg. Sie aus ihrer hoffnungslosen Lage zu befreien, was unter den gegebenen Umständen nur mit Waffengewalt möglich ist, lässt sich aus humanistischer Sicht sehr wohl rechtfertigen.
Willst du denn behaupten, dass es den Verantwortlichen in den USA und in Israel wirklich darum geht, der unterdrückten Bevölkerung im Iran zu helfen?
Trump und Netanjahu sind bislang nicht als große Humanisten aufgefallen, ganz im Gegenteil! Selbstverständlich verfolgen sie in diesem Krieg nicht primär humanistische Ziele. Aber darum geht es nicht! Mitunter können Politiker auch aus falschen Gründen das Richtige tun. Wichtig scheint mir in unserem Zusammenhang zu sein: Humanistinnen und Humanisten sollten doch bitte endlich anerkennen, dass der Einsatz von Waffengewalt keineswegs per se, also immer und überall, gegen humanistische oder pazifistische Werte verstößt. Diesen Fehler haben beispielsweise die amerikanischen Pazifisten begangen, als sie in den 1940er Jahren vehement dagegen protestierten, dass die USA die Alliierten im Kampf gegen Nazi-Deutschland unterstützen. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie sich mit dieser Auffassung durchgesetzt hätten!
"Trump und Netanjahu sind bislang nicht als große Humanisten aufgefallen, ganz im Gegenteil! (...) Aber darum geht es nicht! Mitunter können Politiker auch aus falschen Gründen das Richtige tun."
Aber widerspricht diese kritische Haltung nicht der Position von Bertha von Suttner, nach der das humanistische Studienwerk benannt wurde, in der sich auch die gbs engagiert?
Interessanterweise ist Willy Brandt in seiner Nobelpreisrede auch auf Bertha von Suttner und ihr Buch "Die Waffen nieder" eingegangen. Er sprach dabei von dem "naiven Humanismus" seiner "ganz jungen Jahre". Ob man Bertha von Suttner selbst einen solch "naiven Humanismus" unterstellen kann, bezweifle ich. Denn sie zählte zu den wenigen humanistischen Autorinnen und Autoren des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, die sich intensiv mit der Evolutionstheorie auseinandergesetzt haben. Bertha von Suttner wusste daher sehr genau, dass weder die Natur noch die Kultur "Wunschkonzerte" sind, die sich nach unseren moralischen Überzeugungen richten. Der Mensch wird eben nicht "edel, hilfreich und gut", nur weil wir uns das von ihm erhoffen. Mit guten Gründen hat Bertha von Suttner den Nationalismus und die überbrodelnde Kriegsbegeisterung ihrer Zeit kritisiert, aber sie wäre sicherlich nicht so naiv gewesen, den Eintritt der USA in den Krieg gegen Nazi-Deutschland zu kritisieren. Ich glaube auch nicht, dass man sich mit guten Gründen auf Bertha von Suttner berufen kann, wenn man verhindern möchte, dass Deutschland Waffen an die Ukraine liefert, die ja auf solche Unterstützung in ihrem Verteidigungskampf gegen Putins Russland angewiesen ist. Zwischen Pazifismus und unterlassener Hilfeleistung sollte man schon unterscheiden können.
Apropos: Es fällt auf, dass die gbs zum Ukraine-Krieg, aber auch zum Gaza-Krieg, nur sehr wenig veröffentlicht hat. Woran liegt das?
Es gibt innerhalb der Stiftung unterschiedliche Einschätzungen zu diesen Themen. Daher kann ich, und das gilt auch für dieses Interview, oft nicht im Namen der Stiftung sprechen, sondern nur in meinem eigenen Namen. Was die Ukraine betrifft: Ich persönlich hielt die vermeintliche Alternative "Waffen liefern oder verhandeln?" stets für absurd und votierte für "Waffen liefern und verhandeln!", da man Potentaten wie Putin mit guten Argumenten allein nicht beikommen kann.
Und zum politischen Irrsinn in Israel und Iran habe ich mich schon vor 15 Jahren in dem Buch "Keine Macht den Doofen" ohne jegliche Rücksichtnahme geäußert. Ähnliches haben auch andere Stiftungsmitglieder, zum Beispiel Hamed Abdel-Samad, getan. Allerdings wäre es falsch zu behaupten, wir hätten uns als Stiftung gar nicht zu solchen Fragen positioniert. So haben wir schon sehr frühzeitig vor den gefährlichen, religiös-nationalistischen Entwicklungen in Russland gewarnt, die spätestens 2006 mit der "Russischen Erklärung der Menschenrechte" offenkundig wurden. Mit Blick auf den tödlichen Konflikt zwischen Juden und Palästinensern haben wir sowohl den eliminatorischen Judenhass der Hamas als auch die genozidalen Absichten einiger Mitglieder der israelischen Regierung scharf kritisiert.
Vermutlich hätten sich einige gbs-Sympathisanten dennoch eine sehr viel eindeutigere Positionierung der Stiftung in derartigen Fragen gewünscht, oder?
Ja, das ist möglich, aber genau in diesem Wunsch liegt auch ein Problem – womit ich zum Anfang unseres Gesprächs zurückkomme: Oftmals verbietet es sich, in einem Konflikt eindeutig Partei zu ergreifen, da man mit einem einfach gestrickten Schwarz-Weiß-Denken der komplizierten Weltlage nicht gerecht wird. Auch hierauf hat Willy Brandt 1971 in seiner Nobelpreisrede hingewiesen – und seine Worte klingen heute, 55 Jahre später, wie eine kritisch-rationalistische Anleitung zu einer neuen, produktiven Streitkultur:
"Junge Menschen erwarten oft von mir das ungebrochene Ja, das deutliche Nein. Aber mir ist es unmöglich geworden, an eine einzige, an 'die' Wahrheit zu glauben. (…) Deshalb glaube ich an die Vielfalt und also an den Zweifel. Er ist produktiv. Er stellt das Bestehende in Frage. Er kann stark genug sein, versteinertes Unrecht aufzubrechen. Der Zweifel hat sich im Widerstand bewiesen. Er ist zäh genug, um Niederlagen zu überdauern und Sieger zu ernüchtern."
Vielen Dank für das Gespräch!
1Hinweis der Redaktion: Der Verweis auf den Facebook-Beitrag wurde am 02.03.2026 um 18:30 Uhr zur Präzisierung ergänzt.







18 Kommentare
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Kommentare
Angelika Wedekind am Permanenter Link
Ist es nicht an der Zeit, den Begriff " Völkerrecht" neu zu definieren?
Jörg Dimler am Permanenter Link
Lieber Herr Schmidt-Salomon, bisher kannte ich Sie als klaren Analytiker, der es nicht scheut, die Wahrheit auszusprechen. Aber bei „ Sind die Angriffe völkerrechtswidrig? Sehr wahrscheinlich.
Stefan Dewald am Permanenter Link
Das Wort »Völkerrecht« ist nur ein intrinsischer Ein-Wort-Witz. Es gibt nämlich gar keine Mittel es durchzusetzen. Damit ist es eine luftige Lachnummer.
Jens-Peter Giersch am Permanenter Link
Herr Dimler,
Mal sehen, ob das bei Ihnen anders ist.
Was hat Herr Schmidt-Salomon denn Ihrer Ansicht nach geschrieben, das Ihrer bisherigen Wahrnehmung von Hrn. Schmidt-Salomon als klaren Analytiker, der sich nicht scheut, die Wahrheit auszusprechen, widerspricht?
SG aus E am Permanenter Link
> "Es fällt auf, dass die gbs zum Ukraine-Krieg, aber auch zum Gaza-Krieg, nur sehr wenig veröffentlicht hat. […] Es gibt innerhalb der Stiftung unterschiedliche Einschätzungen zu diesen Themen."
Wenn dem so ist, hätten Formate, bei denen Argumente ausgetauscht worden wären, informativ und lehrreich sein können.
> "Oftmals verbietet es sich, in einem Konflikt eindeutig Partei zu ergreifen, da man mit einem einfach gestrickten Schwarz-Weiß-Denken der komplizierten Weltlage nicht gerecht wird."
Ja eben, genau dieses! Schwarz-Weiß-Denken wurde im 'hpd' veröffentlicht. Leider. Z.B. die falsche Alternative 'Pro-Israel' vs. 'Pro-Hamas', die vollkommen an der Realität vorbeigeht. Dabei sagt er es doch selbst:
> "Echter Frieden verlangt nämlich Freiheit und Gerechtigkeit."
Und da wäre es eben interessant, auf beiden Seiten Menschen (und Gruppen) zu finden, mit denen es möglich ist, Wege in diese Richtung herauszuarbeiten. Was müssten denn – aus humanistischer Sicht – Maximen sein, nach denen 'Freiheit und Gerechtigkeit' z.B. im Nahen Osten gestaltet werden könnten? – Nun, jedenfalls nicht selbstentlastender israelbezogener Anti-Antisemitismus in Kombination mit vor der Weltherrschaft der Muslimbrüder warnender, ansonsten ziemlich niveauloser sog. Islamkritik.
Sebastian Ritter am Permanenter Link
eine Antwort auf Ihre Frage bekommen Sie vielleicht woanders, aber sicher nicht beim hpd, SG aus E : "Was müssten denn – aus humanistischer Sicht – Maximen sein, nach denen 'Freiheit und Gerechtigkeit'
malte am Permanenter Link
Mir wäre nicht bekannt, dass irgendeine humanistische oder säkulare Organisation vor einer "Weltherrschaft der Muslimbrüder" gewarnt hätte. Smells like Strohmann.
Roland Fakler am Permanenter Link
Jeder Krieg ist eine Katastrophe, aber unter einem Schurkrnregime zu leben, wie dem Iran, ist andauernde Folter, vor allem für denkende Menschen. Deswegen volle Zustimmung zum Tyrannenmord und zu MSS.
Thomas Spickmann am Permanenter Link
Problem ist allerdings, dass ein ermordeter Tyrann durch einen ersetzt wird, der vielleicht noch schlimmer ist, und man dadurch vom Regen in die Traufe kommt.
Roland Fakler am Permanenter Link
Aus 5000 Jahren Weltgeschichte könnten wir lernen, dass jede Diktatur Scheiße ist, die faschistische, die kommunistische und aktuell die islamische!
A.S. am Permanenter Link
Für ein Menschenrecht - oder eine Menschpflicht? - zum Zweifeln!
Überall, wo Zweifel moralisch diskreditiert oder ausgemerzt werden, wird der Weg in den Extremismus frei gemacht.
Helga Beck am Permanenter Link
Die USA haben Mossadegh entmachtet und radikale Muslime eingesetzt. Da hat das Elend angefangen. 1953. Und jetzt sollen dafür arme und unschuldige Menschen sterben um das wieder auszugleichen?
Frank Nicolai am Permanenter Link
Nein. Die USA haben den Shah wieder eingesetzt. Der wurde dann '79 durch Chomeini ersetzt. Damit erst begann der Islamische Staat.
Lars Temme am Permanenter Link
"Die Risiken und Chancen halten sich ungefähr die Waage."
Ich wüsste sehr gerne, worauf sich die Einschätzung stützt.
Sicherlich - das Völkerrecht war bisher schon ein Haufen Papier fürs Klo, insbesondere (wenn auch nicht nur) wegen des Handelns des Westens. Der Flächenbrand im Nahen Osten ist bisher auch genau so häufig ausgeblieben, wie vor ihm gewarnt wurde.
Genau so häufig sind aber gewaltsame "Regime Changes" im Nahen und Mittleren Osten gescheitert. Afghanistan, Irak, Syrien, Libyen (der Gazastreifen nicht zu vergessen) - alle diese Länder wurden mit Gewalt von außen in furchtbares Chaos gerissen, gegen das die Gewaltherrschaft der vorherigen Machthaber wie Kindergarten aussieht. Sanktionen taten und tun ihr Übriges, um ganze Bevölkerungen ins Elend zu stoßen. Genützt hat es - nichts. In Afghanistan herrschen nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg wieder die Taliban. Der Irak hat ähnlich lange, bürgerkriegsähnliche Zustände hinter sich und ist alles andere als stabil. In Syrien wurde nach zehn Jahren Bürgerkrieg ein säkularer Diktator durch einen islamistischen ersetzt. Libyen ist ein zerrissenes Land, in dem der Bürgerkrieg andauert. (In der Trümmerwüste Gazastreifen herrscht immer noch die Hamas.)
Und jetzt ist es schon wieder so weit. Bomben fallen, Propagandabilder von angeblich dankbaren Bombardierten gehen um (die hierzulande jubelnden Exiliraner müssen ja keine Bomben fürchten), Morde werden Tötungen genannt, und ungeachtet der katastrophalen Bilanz gewaltsamer Umsturzversuche von außen meint Michael Schmidt-Salomon, eine Gleichverteilung von Chancen und Risiken zu erkennen?
Manchmal wünsche ich mir den Optimismus anderer Menschen. Aber hier liegt doch nur meilenwert von der Realität entferntes Wunschdenken vor, dass bestenfalls auf Propagandabegründungen - "wir führen den Krieg ja nur fürs Gute" hereinfällt, schlimmstenfalls diese selbst verbreiten will.
malte am Permanenter Link
Weder in Syrien noch in Libyen wurde ein „Regime Change“ durch ausländische Mächte versucht. Bekanntlich sind die dortigen Konflikte infolge des „Arabischen Frühlings“ entstanden.
Ich würde die Chance auf einen erfolgreichen Regime Change nirgendwo im Nahen Osten so gut einschätzen wie im Iran. Das Regime dort hat einen sehr schlechten Rückhalt in der Bevölkerung und es gibt eine starke oppositionelle Bewegung vor allem junger Menschen, an die man anknüpfen kann. Die Gefahr besteht eher in einem inkonsequenten militärischen Vorgehen: Ein bisschen bombardieren, das Atomprogramm ein paar Jahre zurückwerfen und dann wieder abziehen. Das wäre tatsächlich kontraproduktiv. Wenn man sich schon zu einem militärischen Eingreifen entscheidet, muss man auch den ganzen Weg gehen und das Regime stürzen.
Wenn Sie Schmidt Salomon hier vorwerfen, auf die Propaganda „wir führen Krieg ja nur fürs Gute“ hereinzufallen, haben Sie den Text nicht richtig gelesen. Er sagt ausdrücklich: „Mitunter können Politiker auch aus falschen Gründen das Richtige tun“. Insofern sind Ihre Ausführungen typisch für eine unreflektierte Anti-Kriegs-Rhetorik. Das Argument „Es geht ja im Krieg gar nicht um edle Ziele“ gehört dazu wie das Amen in der Kirche. Es wird so getan, als sei das eine furchtbar tiefgründige und subversive Erkenntnis, dabei handelt es sich um eine Binsenweisheit. Kein Staat würde gigantische Geldbeträge in einen Militäreinsatz stecken und dabei Leben der eigenen Soldaten opfern, wenn er dabei nicht auch eigene Interessen verfolgen würde. Und trotzdem kann es richtig sein!
Das Mullah-Regime lässt sich nur durch Gewalt beseitigen, das weiß jeder. Mir wäre es auch lieber, die iranische Bevölkerung würde das ohne Eingriffe von außen durch eine Revolution schaffen, aber das ist keine realistische Option. Derzeit sind Israel und die USA die einzigen Kräfte, die dazu fähig und bereit sind. Wer sich dagegen wendet, muss eine Lösung anbieten, wie das Regime anders gestürzt werden kann. Oder zugeben, dass er an einem Ende dieses mörderischen Systems kein Interesse hat.
Wenn Sie ernsthaft von „angeblich“ dankbaren Iranern schreiben und die Freude der Oppositionellen als „Propaganda“ abtun, zeigen Sie, dass Sie die Menschen im Iran nicht ernst nehmen. Offenbar wollen Sie Tatsachen, die Ihr Weltbild stören, einfach nicht wahr haben.
Renton am Permanenter Link
Grundsätzlich bitte Ich Sie, von Unterstellungen wie „offenbar wollen Sie Tatsachen nicht wahrhaben“, „Tatsachen stören Ihr Weltbild“, Abstand zu nehmen. Die sind einer sachlichen Diskussion abträglich.
Dann zur ersten Sachfrage. Wenn Sie den Beginn der Konflikte in Syrien und Libyen im Arabischen Frühling verorten, übersehen Sie dabei, erstens, dass dieser Arabische Frühling nicht vom Himmel fiel. Er wurde auch(!) von außen angefeuert, durch vom US-State Department unterstützte „N“GOs wie Democracy Now. Wie groß der Anteil des Auslands war, kann letztlich keiner sagen. Ganz sicher hatten die arabischen Bevölkerungen einen erheblichen Anteil. (Ich würde sogar sagen, sie hatten den Hauptanteil.) Das kann aber nicht darüber hingwegtäuschen, dass das Ausland bereits im Vorfeld mitgemischt hat.
Zweitens, und das ist viel gravierender: Selbst, wenn man unterstellt, der Arabische Frühling wäre komplett „hausgemacht“ gewesen, wurde Gaddafi in Libyen nur mit Hilfe der französischen und britischen Luftangriffe gestürzt, die in bewusster Fehlinterpretation eines UN-Sicherheitsratsbeschlusses durchgeführt wurden.
In Syrien wiederum wäre der Bürgerkrieg nie eskaliert, wenn nicht der Friedensnobelpreisträger Barack Obama zwei Jahre lang im Rahmen der Operation Sycamore den Islamischen Staat mit Geld, Waffen, Kämpfern und Ausbildung unterstützt hätte, in Kooperation u.a. mit der Türkei und Saudi Arabien. Als dann die vom Zauberlehrling gerufenen Geister auch den Irak angriffen, wechselten die USA die Seiten und bekämpften den IS - und nebenbei immer wieder mal auch die syrischen Regierungsstreitkräfte. Nach zehn Jahren Bürgerkrieg wechselte wiederum einer der IS-Anführer die Seiten; seine Streitkräfte eroberten, von der Türkei aus kommend, ausgebildet und ausgerüstet mit modernen Drohnenteams - die ukrainischen Ausbilder stammten aus dem noch laufenden Ukrainekrieg und wurden von den USA vermittelt - Syrien und der Anführer, auf den die USA kurz vorher noch ein Kopfgeld von 10 (oder waren es 50?) Millionen Dollar ausgesetzt hatten, machte sich selbst zum Präsidenten, der von den USA akzeptiert wird (und der bis heute keine Wahl abgehalten hat).
Wenn das für Sie kein Regime Change von außen war, weiß ich nicht, was für Sie einer wäre.
Im Irak ist die Lage heute besser als unter Saddam Hussein, aber das liegt nicht am Wechsel der Herrschaft, sondern daran, dass die mörderischen Sanktionen, die laut einem UN-Bericht aus den 90ern eine halbe Million(!) irakische Kinder das Leben gekostet haben, aufgehoben wurden.
Und in Afghanistan herrschte vor dem Abzug der US-Truppen Bürgerkrieg. Deshalb sind sie ja abgezogen, weil sie nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg schlicht zermürbt waren. Wenn die erzielten Fortschritte, die wir beide aus unserer westlichen, liberalen Sicht sicherlich begrüßen, nur mit Gewalt aufrechterhalten werden konnten, zeigt das, dass sie nicht nachhaltig waren. Offenbar müssen andere Wege des Fortschritteerzielens gefunden werden als in ein Land einzumarschieren und der Bevölkerung dort eine Ordnung von außen aufzuzwingen, für die sie nicht bereit ist.
„Die pauschale Aussage „Regime Change ist aussichtslos“ lässt sich so nicht treffen, ganz besonders, wenn sie aus dem Mund eines Deutschen kommt.“
Da haben Sie sich einen Strohmann gebastelt. Ich sprach ausdrücklich nur von gewaltsamen Regime Changes im Nahen und Mittleren Osten. Der Regime Change in Deutschland 1945 muss viel zu oft als Blaupause und Rechtfertigung für Regime Changes anderswo herhalten, dabei war er etwas sehr Spezielles. Zum einen war die grauenhafte Diktatur in Deutschland selbst für deutsche Verhältnisse eine Ausnahme. Deutschland verfügte über eine demokratische Tradition, an die man anknüpfen konnte. Dann hatte Deutschland den Regime Changern den Krieg erklärt, nicht umgekehrt, und war auch seinerseits nicht bereit, den Krieg mit einem Kompromiss zu beenden. Und schließlich führte Deutschland Massenmord in einem Umfang durch, der selbst einen Krieg mit Millionen an Opfern als Mittel zu seiner Beendigung rechtfertigen konnte.
Im Iran und dem Nahen/Mittleren Osten generell ist die Lage fundamental anders.
„Ich würde die Chance auf einen erfolgreichen Regime Change nirgendwo im Nahen Osten so gut einschätzen wie im Iran... Die Gefahr besteht eher in einem inkonsequenten militärischen Vorgehen: Ein bisschen bombardieren... und dann wieder abziehen… Wenn man sich schon zu einem militärischen Eingreifen entscheidet, muss man auch den ganzen Weg gehen und das Regime stürzen.“
Sie schreiben es doch selbst: Das, was jetzt gemacht wird, hat kaum Aussichten auf Erfolg: Es kann überhaupt kein Abzug erfolgen, weil noch am Boden noch nicht einmal vorgegangen wird (was die Opferzahl im Übrigen vervielfachen würde). Wo wir unterschiedlicher Ansicht sind, ist, dass ich auch nicht glaube, dass ein weitergehendes Vorgehen sonderlich bessere Aussichten auf Erfolg hätte. Aber das wäre rein theoretisch. Das jetzige Vorgehen ist genauso inkonsequent, wie Sie es beschreiben und _eigentlich_ ablehnen. Merkwürdig, dass Sie es trotzdem gutzuheißen scheinen? Das führt direkt zum nächsten Punkt: Der Wirkung von Kriegspropaganda.
„Wenn Sie Schmidt Salomon hier vorwerfen, auf die Propaganda „wir führen Krieg ja nur fürs Gute“ hereinzufallen, haben Sie den Text nicht richtig gelesen. Er sagt ausdrücklich: „Mitunter können Politiker auch aus falschen Gründen das Richtige tun“. Insofern sind Ihre Ausführungen typisch für eine unreflektierte Anti-Kriegs-Rhetorik.“
Nein, Ihre Äußerung ist typisch für nicht gut Durchdachtes. Kriegspropaganda hat einen Zweck: Ein Verbrechen, nämlich Krieg, zu legitimieren. Das kann sie auch indirekt. Jemand kann die Propaganda durchschauen und trotzdem von der zugrundeliegenden Idee angesteckt werden. Hier ist die Idee, dass der Krieg letztlich Gutes bewirken könne. Es scheint ja sogar bei Ihnen zu verfangen: Obwohl Sie das aktuelle militärische Vorgehen als unzureichend ansehen, verteidigen Sie es.
„Das Mullah-Regime lässt sich nur durch Gewalt beseitigen, das weiß jeder.“
It is known, Khaleesi, schon klar. Selbst, wenn ich mich darauf einließe, bliebe die Frage, welches Ausmaß an Gewalt gerechtfertigt wäre.
„ Derzeit sind Israel und die USA die einzigen Kräfte, die dazu fähig und bereit sind.“
Sie sind offensichtlich nicht dazu bereit, Stichwort inkonsequentes militärisches Vorgehen. Sie rufen stattdessen die iranische Bevölkerung dazu auf, obwohl diese das nicht kann, wie Sie selbst konstatiert haben.
„Wer sich dagegen wendet, muss eine Lösung anbieten, wie das Regime anders gestürzt werden kann.“
Weil Sie das sagen, muss ich das? Wohl kaum.
„Oder zugeben, dass er an einem Ende dieses mörderischen Systems kein Interesse hat.“
Welches Interesse haben Sie daran? Haben Sie Verwandte im Iran? Möchten Sie in iranisches Öl investieren? Als Humanisten _möchten_ wir alle, dass das Mullahregime wegkommt. Aber zu versuchen, es wegzubomben, bedeutet erstens, Menschen zu ermorden, damit keine Menschen ermordet werden und hat, ungeachtet der Paradoxie, nicht nur meines Erachtens keine Aussicht auf Erfolg. Am Ende stehen dann mal wieder nur die Opfer des Krieges.
„Wenn Sie ernsthaft von „angeblich“ dankbaren Iranern schreiben und die Freude der Oppositionellen als „Propaganda“ abtun“
Ich habe die „Freude der Oppositionellen“ nirgendwo als Propaganda abgetan und ja, ich schreibe ernsthaft von “angeblich“ dankbaren Iranern. Hierzulande freuen sich etliche Exiliraner, insbesondere über die Ermordung Khameinis (dem auch ich keine Träne nachweine). Solche Menschen gibt es. Aber die paar Videos, die aus dem Iran von jubelnden Menschen gezeigt wurden, sind kein Beleg dafür, dass die Menschen im Iran _mehrheitlich_ dankbar dafür wären, dass ihr Land mit Krieg überzogen wird. Ich kann das zwar nicht ausschließen, werfe aber doch die Frage auf, ob die Menschen im Iran nicht vielleicht klüger sind, als für ein Übel dankbar zu sein, bloß, weil es die leise Hoffnung gibt, dass damit ein anderes Übel endet. Vielleicht sparen sie sich ihre Dankbarkeit für das Ende dieses Krieges auf, falls dieser „erfolgreich“ endet. Und falls nicht, verfluchen sie vielleicht die Täter dieses Krieges, die ihnen das Leben noch zusätzlich zum Ayatollah-Regime zur Hölle gemacht haben. Was weiß ich. Nur eines weiß ich sicher: Sie, malte, wissen es genau so wenig.
malte am Permanenter Link
"Weil Sie das sagen, muss ich das?"
Nicht, weil ich es sage, sondern weil es für eine ernstzunehmende Argumentation notwendig wäre. Eine reine Anti-Haltung mag bequem sein, ist aber eben auch denkfaul. Letztlich läuft Ihre Position auf ein Schulterzucken hinaus: "Man kann halt nichts machen, es soll alles bleiben, wie es ist."
Ich verteidige die Angriffe übrigens nicht uneingeschränkt, das sollte aus meinem Kommentar eigentlich hervorgehen. Meine Position ist: Seid konsequent - oder lasst es.
Joachim Affeldt am Permanenter Link
Das bestehende Völkerrecht gründet auf einer Synthesis von Ethik und Vernunft. Daher ist es für manche schwer verständlich, dass es im Einzelfall nicht per se und unbedingt unantastbar ist.
Wie falsch positives Recht sein kann zeigt die Zeit zwischen 1933 und 1945. Sophie Scholl, Hans Scholl und viele andere wurden auf Grundlage "geltenden Rechts" grausam hingerichtet. Wie sehr hätte ich mir in diesen Fällen - völlig illusorisch allerdings - rechtsbeugende Richter gewünscht.